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Kunsthalle Schirn Vom Drama der Natur

Die Schirn Kunsthalle zeigt mit dem Diorama ein besonderes Fenster zur Welt. Zur Magie und Täuschung gehört, dass in diesem plastisch wirkenden Schaubild die Sonne aufging.

Jean Paul Favand
Jean Paul Favands Rekonstruktion eines Dioramas aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Jean Paul Favand/Jean Mulatier

Eine nicht ganz geheuere Sache, vom ersten Tag an, obwohl unbedingt ein Knüller, ein überwältigender Effekt. Denn in Sekundenschnelle wechselte mit dem Lichteinfall die Szenerie, von einer anheimelnden Landschaft auf ein grauenvolles Schlachtfeld. Schaulust sah sich angezogen von einem Schaubild, der Betrachter von einer Bühne, einer Schaubühne. Auf ihr war es aber nicht immer nur schön. Aber man schien ganz nah dran am Geschehen zu sein.

Das Diorama, das am 11. Juli 1822 in Paris eröffnet wurde, war ein besonderes Fenster zur Welt.

Sein Erfinder, Louis Jacques Mandé Daguerre (1787-1851), der später auch zum Weiterentwickler der Fotografie werden wollte, gestattete zusammen mit Charles Bouton (1781-1853) dem Betrachter eine Illusion, die ihn faszinierte, aber auch verstörte. Man denke nur, wie jetzt zu lesen in der Diorama-Ausstellung der Frankfurter Schirn Kunsthalle, an die 1859 von Charles Baudelaire gemachte Äußerung: „Ich wollte, man führte mich zu jenen Dioramen zurück, deren brutale und überwältigende Magie mir eine förderliche Täuschung aufzudrängen weiß.“

Magie und Täuschung des Diorama

Zur Magie und Täuschung gehörte, dass in diesem plastisch wirkenden Schaubild die Sonne aufging. Und sie ging, nicht abhängig von den Tageszeiten, unter. Das Diorama bot keinen Rundumblick wie im Panorama. Weil hinter den Leinwänden eine ausgeklügelte Technik am Werk war, zogen aber in aller Breite Nebel auf oder jagten Schatten über eine Landschaft. Mit raffinierten Mitteln wurde etwas für die Augenzeugenschaft getan. Als Beobachter war man Zeuge der Sintflut, der Geburt in Bethlehem, man schaute dem Stadtbrand von Edinburgh zu oder dem Kampf um das Hotel de Ville in Paris, während der 1830er-Revolution. Die „wundersamen Schauspiele“ wurden sehr lebhaft diskutiert, als oberflächliche Gaukelbilder oder raffinierter Realitätsschock, als spektakuläre Schaubühne oder abgeschmacktes Blendwerk. Wie gesagt: Baudelaire. In einer anderen Übersetzung seiner Eindrücke, in der des Lyrikers und Büchnerpreisträgers Durs Grünbein, liest man von einem „derben und mächtigen Zauber“. 

Vier Bühnen sind dem Diorama in der Schirn bereitet worden. Die Schau wurde aus Paris, dem dortigen Palais de Tokyo, übernommen. In der Schirn haben Katharina Dohm, Claire Garnier, Laurent le Bon und Florence Ostende einen Auftakt eingerichtet, der noch vor die Anfangstage der Dioramen hinausgreift. Die „Protodioramen“ boten ein illusionistisches Theater der religiösen Versenkung. An den Wänden kleine Guckkastenbühnen, die sich aus dem Legendenfundus der Heiligen und Märtyrer reichlich bedienten. Schon im Neapel des 16. Jahrhunderts entstanden so etwas wie Vorläufer – gerade hier, in einem Zentrum der katholischen Gegenreformation, zogen die Bühnenbilder als artige Alltagsszenen oder Andachtsbilder in die eigenen vier Wände ein. Adrett angeordnet Mensch und Mobiliar in der Stube des Bürgers; durchaus bizarr die Szenerien, in denen das Bibelpersonal arrangiert wurde. 

Gleich gegenüber sind Raritäten aus der Sammlung Werner Neckes zu sehen, der vierzig Jahre, bis zum seinem Tod im Januar 2017, unter den rund 35 000 Objekten aus der Welt der audiovisuellen Medien auch Miniaturdioramen zusammentrug, diaphane Doppelbilder, die, je nach Hintergrundbeleuchtung, Landschaften und Stadtansichten in eine Tages- oder Nachtszene tauchen, jetzt wieder. In dem von Neckes archivierten Panoptikum stellt sich das Diorama als eine Guckkastenbühne des bürgerlichen Lebens dar, als Lebensraum auf einem kleinen überschaubaren Raum. 

Wie sehr das Diorama als Traumbild gedacht war, ein Traumfabrikvorläufer des Technicolorkinos, darauf machte 2011 Jean Paul Favand aufmerksam mit seiner Rekonstruktion einer magischen Ansicht der Bucht von Neapel, mit einem feuerspeienden Vesuv. Gekitzelt wurde das Auge durch bewegliche Rauchsäulen vor einem glutroten Horizont. 

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