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Kunst Was die Rückseite erzählt

Drei Jahre Provenienzforschung im Berliner Museum Berggruen belegen die meist wechselhaften Biografien der Gemälde von Picasso, Klee, Braque und Matisse. Eine Ausstellung gibt jetzt Einblicke.

Raphaël Denis
Raphaël Denis: The Normal Law of Errors, 2014-2018. Die Formate entsprechen den von den Nazis aus Frankreich geraubten und seither verschollenen Picassos. Foto: Court. Galerie Sator

Viel Schriftkram muss es zwangsläufig geben bei einer Ausstellung, die die Herkunft berühmter Bilder großer Maler beleuchtet: Picasso, Klee, Braque, Matisse. Diesen Schatz brachte der Sammler Heinz Berggruen (1914–2007) nach Berlin.

Der mittlere Raum, sozusagen das Herzzentrum der Schau „Biografien der Bilder“ im 1996 gegründeten Museum Berggruen, kommt indes mit wenig Erklärung aus. Die liest man zügig in einem Ordner. An der Wand hat der junge Pariser Maler Raphaël Denis 87 unterschiedlich große, schwarze Bilder in Form einer Gaus-Kurve aufgestellt, lediglich mit Maßangaben versehen. Die Formate entsprechen millimetergenau jenen Abmessungen, die Picassos – von den Nazis unter Reichsleiter Rosenberg im besetzten Frankreich geraubten, damals, 1940 im Pariser Jeu de Paume gelagerten, seitdem verschollenen – Gemälde hatten. Ein Mahnmal.

Gegenüber wurden, sichtbar auch mit der Rückseite und darauf zahlreichen Aufklebern mit Händler-Angaben und den Beschlagnahmestempeln der deutschen Besatzungsmacht, Picasso-Gemälde aufgestellt, die eine dramatische Restitutionsgeschichte hinter sich haben. Nach dem Krieg wurden die Werke an ihre jüdischen Eigentümer zurückgegeben. Der Sammler Heinz Berggruen hatte die Bilder erst viel später auf Auktionen erworben, so den „Gelben Pullover (Dora Maar)“, 1939, oder „Sitzender Akt, sich den Fuß trocknend“, 1921.

Bei Bildern wie diesen ist die Liste der wechselnden Besitzer lang. Nur bei etlichen kleinen Klee-Formaten wiederum liest man auf karteikartenähnlichen Hinweisen lediglich Titel, Jahr, Ankaufdatum. Und die Namen der Besitzer, bei denen sich die Werke bruchlos bis in die 50er befanden, bis sie in den Kunsthandel gelangten und später von Berggruen erworben wurden.

Spannend sind die Anmerkungen zu Klees „Felsenkammer“, 1929, einst vom Galeristen Kahnweiler an den amerikanischen Filmregisseur Billy Wilder verkauft, der sich 1989 davon trennte, so dass Berggruen das faszinierende Blatt erwerben konnte. Aus unerfindlichen Gründen aber trennte er sich bald wieder davon – um es 1998 erneut zu kaufen. Ob teurer oder aber preiswerter als zuvor, erfahren wir nicht. Auf jeden Fall wurden die meisten der Bilder der Berggruen-Sammlung im 20. Jahrhundert, den politischen oder ökonomischen Umständen geschuldet, rastlos herumgereicht. Zur Geschichte eines jeden Bildes gehört nicht nur die vordere „Butterseite“ mit Stil und Farbe – sondern ebenso seine „Biografie“ auf der Rückseite.

Jetzt eröffnete diese „bilderbiografische“ Schau mit Berggruens den Staatlichen Museen und damit Berlin übereigneten Schätzen der Vorkriegsmoderne. Die Legenden von 135 Bildern wurden von Kunsthistorikern der Staatlichen Museen Berlin erforscht und werden nun öffentlich gemacht – unmittelbar vor einem denkwürdigen Datum.

Am 3. Dezember jährt sich zum 20. Mal die „Washingtoner Erklärung“. Vertreter von Staaten, nichtstaatlichen Organisationen, zusammen mit jüdischen Opferverbänden hatten eine Selbstverpflichtung abgegeben zur Identifizierung von NS-Raubkunst und Rückgabe der durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten und verkauften Kunstwerke. In der kommenden Woche beginnt in Berlin eine Konferenz zu den Washingtoner Prinzipien. Kurz davor beklagt der New Yorker Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, in den Medien „Deutschlands organisierte Verantwortungslosigkeit“, es werde zu wenig getan, um die Grundsätze dieser Selbstverpflichtung zu befolgen. In Deutschland gäbe es vier Bundesmuseen und mehr als 5000 weitere öffentliche Kultureinrichtungen, von denen der Kongress bis heute keine detaillierten Informationen über deren Sammlungen erhalten habe.

Lesbar ist die Ausstellung im Museum Berggruen, ein Haus der Nationalgalerie, wie eine vorweggenommene Antwort. Die Sammlung des jüdischen Museumsgründers, den die Nazis aus seiner Heimatstadt Berlin vertrieben hatten, besteht aus solide belegten Ankäufen erst Jahre nach dem Krieg. Und so manches Bild, etwa die berühmte Radierung „Minotauromachie“, 1936, hatte Picasso seinem späteren Freund Berggruen mit markantem Schriftzug zugeeignet.

Drei Jahre Forschungsarbeit liegen hinter den Werken der vier „Heiligen“ im Sammlerkosmos Berggruen: Picasso, Klee, Braque, Matisse. Acht Räume verbinden ihre oft ikonografischen Motive mit den Bildlegenden. Deren bisweilen dramatische Geschichte – schließlich handelte es sich nach 1933 um „entartete“ Kunst – liest sich meist nur in knappen Angaben von Jahreszahlen und Besitzerwechseln.

Die Kuratoren Sven Haase vom SMB-Zentralarchiv und Doris Kachel vom Museum Berggruen widmen einen ganzen Saal den bedeutenden Händlern jener Jahre. Die Kunstbeschaffer Hitlers und Görings hatten den Avantgarde-Galeristen, etwa Alfred Flechtheim, Karl Buchholz, Paul Rosenberg, Daniel-Henry Kahnweiler schlimm zugesetzt, das Arbeiten unmöglich gemacht. Flechtheim emigrierte 1933 nach London, Kahnweiler musste 1941 untertauchen. Eine „arische“ Verwandte führte die Galerie weiter. Heinz Berggruen kaufte bei dem Rückkehrer 1954 das erste Bild seiner Sammlung: ein recht unscheinbares Picasso-Stillleben von 1919.

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