Lade Inhalte...

Kunst und Medizin Ich sehe was, was du nicht siehst

Ins Innere blicken: Die Berliner Schau „Spiegelbilder in Kunst und Medizin“

William Anastasi: "Maintenance III (Self-Portrait)", aus der Berliner Ausstellung "Spiegelbilder in Kunst und Medizin". Foto: William Anastasi

Inmitten der bedrückenden, aufgeregten, nervösen, verunsicherten letzten Tage begann an zwei Berliner Orten in aller Stille eine Schau, die einen wegführt von Terrorängsten seit den Pariser Anschlägen, stattdessen tief innehalten und ins Innere des eigenen Seins schauen, Subjekt und Objekt, Körperliches und Virtuelles trennen lässt.

„Mirror Images“ im Medizinhistorischen Museum der Charité und in der Schering Stiftung zielt auf die entschleunigte Beobachtung und Wahrnehmung des eigenen Körpers – durch Spiegelungen, Reflexionen. Für „Spiegelbilder in Kunst und Medizin“ haben sich neunzehn namhafte Künstler und Neurowissenschaftler zusammengetan, ganz nach der These: Wir Menschen können uns nur gespiegelt sehen und fühlen.

Der Blick in den Spiegel konfrontiert jeden von uns mit der Erkenntnis, dass dieses andere Individuum ich selber bin, ich da also etwas sehe, was ein anderer nicht sehen kann, weil er ja eine „Fremdwahrnehmung“ von mir hat.

Der Spiegel ist ein gar zweideutiges Symbol. Einerseits gilt er seit der Antike als Zeichen der Eitelkeit und der Wollust. Andererseits symbolisiert er auch Selbsterkenntnis, Klugheit und Wahrheit: Ursprung für die heute noch gebräuchliche Redensart „Jemandem einen Spiegel vorhalten“ oder „Spiegelbild der Seele“.

Diese neunzehn Künstler-Wissenschaftler und ihre Kuratorin Alessandra Pace machen in Vitrinen, auf Monitoren, Fotos, in Installationen und durch historische medizinische Objekte, Geräte und Modelle ihre mannigfachen Experimente, Analysen, Untersuchungen anschaulich.

Ungeahnte Möglichkeiten

Der Mensch ist sich bekanntlich das größte Mysterium. Wie also nimmt man seinen eigenen Körper im Raum wahr, sobald man in den Spiegel schaut? Eine erkenntnisreiche Bildgebung verschaffte schon das erste Mikroskop um 1590. Mitte des 19. Jahrhunderts brachte die Fotografie den Menschen ihr gespiegeltes Abbild. Damals wurden für die Medizin auch der Stirnreflektor für den Rachen- und Kehlkopfraum und der Augenspiegel erfunden, bald auch das Medium Film und der erste Röntgenapparat.

Die „spiegelnde“, reflektorische Medizintechnik von heute bietet dereinst ungeahnte Möglichkeiten, ein von Außen gemachtes oder aber invasives Innenbild, ein Abbild vom Skelett bis zu den Organen zu geben. So hat es der Berliner Konzeptkünstler Adip Fricke geschafft, ein exaktes Abbild seines eigenen Gehirns in der Hand zu halten und für die Dauer der Ausstellung in einer Glasvitrine zu präsentieren: Den Scan seines Kopfinneren ließ er in 3D ausdrucken, somit kann er nun als Subjekt eben jenes Organ seiner Einzigartigkeit unter derzeit 7,28 Milliarden Menschen auf der Welt betrachten, reflektieren, resümieren, ja, sogar seine Empathie-Fähigkeit befragen.

Analytischer geht Attila Csörgö zu Werke: Er baute im Museumsraum ein Spiegel-Labyrinth auf, in der Mitte eine Kamera, ausgerichtet auf einen Spielwürfel. Sobald dieser geworfen wird, zeichnen die Langzeitbelichtung der Kamera und die umgebenden Spiegel die Wurfbahn in sechs verschiedenen Winkeln auf. Sechs Mal gibt es das jeweilige Resultat desselben Geschehens. Mit bloßem Auge aber könnte das keiner sehen. So erweitern die Spiegel unsere Wahrnehmung.

Auch der Fotograf Thomas Florschuetz geht diesem Phänomen nach. Seine Bildfolge von sich überlappenden Fensterscheiben kehrt die Perspektive des Betrachters um. Man schaut nicht mehr ins Bild hinein, sondern eher aus diesem heraus, reale Wahrnehmung und Illusion verschränken sich. Kunst wird zum „Fenster zur Welt“.

Das will auch John Baldessari sagen mit seinem Vexierspiel aus Überkreuzungen: von links nach rechts, von hinten nach vorn. Die Symmetrie der Hände, Gläser und Löffel macht die Handlung zum Photogramm, bei dem man nicht mehr weiß, was ist Ursache und was Wirkung.

Und geradezu theatralisch, auch ein wenig psychedelisch, wird es im abgedunkelten Projektraum der Schering-Stiftung, wo unter anderem eine riesige Vergrößerung (aus schwarzem Granit) jenes berühmten kleinen, mystischen Obsidian-Spiegels aus dem British Museum London von der Galeriedecke baumelt und gleichsam hypnotische Wirkung entfaltet. Das Duo Otavio Schipper und Sergio Krakowski stößt da mit „Smoking Mirror“ in einen Bereich vor, wo synchrone Spiegelungen, täuschende Lichtreflexe (die Flamme!) und Klänge jeden Ausstellungsbesucher auf dessen Reaktion testen.

Hellwache Aufmerksamkeit bis Meditation sind zu vermelden im Eigenversuch der Autorin dieser Zeilen. Wiederholung geplant.

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité : bis 3. April. www.bmm-charite.de

Schering-Stiftung, Berlin: bis 23. Jan. www.scheringstiftung.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum