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Kunst in Lieberose Ritter, Tod und Manga

Die 23. Sommerkunstschau „Rohkunstbau“ im abgelegenen brandenburgischen Barockschloss Lieberose sucht die „Schönheit im Anderen“.

Ausstellung
Toshihiko Mitsuya, „Anonymous Relatives – Watcher“, 2017. Foto: Toshihiko Mitsuya / Foto: Jan Brockhaus

Zurück im Spreewald. Sozusagen wieder am Ort ihres Ursprungs ist die inzwischen 23. Ausgabe der Kunstschau „Rohkunstbau“ gelandet. Fast jedenfalls. Schloss Lieberose ist nur wenige Kilometer entfernt von Groß Leuthen, wo 1994 alles begann. Dies zunächst in einer Rohbau-Halle der abgewickelten LPG, die der kunstbesessene Medizinstudent Arvid Boellert zusammen mit Freunden entdeckte und mit dem sperrigen Titel „Rohkunstbau“ aus der Taufe hob.

Ein Jahr später wanderte die rasch beliebte und vom Land und Sponsoren ermöglichte brandenburgische Sommerschau ins nahe Wasserschloss Groß Leuthen, einst ein Waisenhaus. Später suchten die Gründer immer andere, malerisch marode Schlösser quer durch Brandenburg. Auch das Barockschloss Lieberose im Landkreis Dahme-Spreewald war reif für eine Umwidmung – nach der sächsisch-preußischen Geschichte ihrer wechselnden Herrschaften, zuletzt derer von der Schulenburg. Deren Sprosse – Friedrich Werner und Fritz-Dietlof – gehörten 1944 zum Widerstand des 20. Juli gegen Hitler, hingerichtet in Plötzensee. Im April 1945 bombardierten die Alliierten das Schloss. Die Nachkriegszeit hinterließ Narben und Verfall. Die Anlage war Zuflucht für Flüchtlinge, später nur Ort für gelegentliche Veranstaltungen. Für eine Restaurierung des einst auf Pfählen ins Moor gebauten Ensembles fehlte in der DDR das Geld. Und nach der Wiedervereinigung verzichteten die Schulenburg-Erben auf Rückübertragung. Auch Investoren war und ist das Schloss zu riesig.

Für den Dornröschenschlaf aber ist das Schloss zu schade. Und so sind Künstler willkommen, mit ihren Ideen, die alten Mauern und deren Geschichte neu zu entdecken. Zwölf Künstler kamen nach Lieberose, wählten mit ihrem britischen Kurator Mark Gisbourne ein brisantes Thema: „Die Schönheit im Anderen“. Es geht, man ahnt es, um die Spiegelung des Eigenen im Fremden, um Entdeckung und Erkenntnis. Aus dem kruden rissigen Ambiente ragen die zwölf Installationen heraus, die sich auf den Ort beziehen, doch zugleich universal sind: Der Japaner Toshihiko Mitsuya faltete aus schimmernder Alufolie zwei riesige Krieger in Rüstung auf gepanzerten Rössern. Beide halten an Stangen ein Banner hoch, das trägt aber weder Wappen noch hoheitliche Zeichen. Die befremdlich-schöne Skulptur lässt Kulturen aufeinander treffen: europäisches Mittelalter auf fernöstliche Mangas. Martialisch sind die Kampfformen in beiden Fällen.

Ebenso mythisch stellt Jeanno Gaussi, die mit ihren Eltern als Kind aus Kabul nach Berlin floh, Fragen nach der Identität. Von der Stuckdecke baumeln wie erhängte totem-ähnliche Gebilde, aus weißen, mit roten Borten, Fransen und Holzperlen verknüpften Seilen, die Köpfe aus Wasserkanistern. In der Raummitte ein kopfloses Skelett, blaues verknotetes Band um Hand- und Fußgelenk, die Knochen markiert, „Imaginary Friend“ nennt sie den Gevatter Tod. Er erntet in Afghanistan, in Syrien. Und holte 1944 beide Schulenburgs, die anders waren als viele Deutsche ihrer Zeit. Gedenken füllt den Raum.

Ironie und Reflexion

In der Schlossküche, neben einem riesigen Herd, läuft der Film „Meine Mutter“ des in Berlin im Exil lebenden Iraners Sharam Entekhabi. Wurzelsuche: In einer Szene sitzen Frauen mit Tüchern um einen Tisch. Die Älteste singt, schlägt im elegischen Rhythmus die Daf, eine persische Rahmentrommel. Fremdartig schön und sanft anzuhören ist die friedliche Frauen-Gemeinschaft.

Ganz und gar ein befremdliches Männlichkeits-Ding hingegen ist die ironisch überspitzte Mixed-Media-Installation des Schotten Andrew Gilbert. Hier lebt Kolonialgeschichte auf, mit Zulu-Masken und skurrilen Heldengeschichten, die zur Farce werden. Typen in Tropen-Fantasieuniformen, angetan mit kariertem Massai-Kilt, imaginieren Schlachtenszenen im Comic-Stil. Makabres Klischee der sogenannten Zivilisation gegen das Fremde.

Aufwand musste das dänisch-norwegische Duo Elmgreen und Dragset betreiben. Ein zentnerschwerer, versilberter Felsbrocken wurde per Kran auf ein wasserfarbenes Trampolin gesetzt. Das hängt schwer durch. Und darüber, an der Schlossdecke, die unglaublichen Stuck-Verzierungen mit Putten, Ranken, Akanthusblättern. Befremdliches als satirisches Gleichnis für einseitige Belastung: Deutschland, in Europa allein mit der Flüchtlingsproblematik?

Und dann spiegelt sich alles, gerade auch das Publikum: Oben wird unten durch Reflexion in Amelie Grözingers „Mirror Room“. Sie hat den Fußboden des einst prunkvollen Diana-Saales mit Spiegelfolie verkleidet. Durch die Fenster werfen Sonnenstrahlen geometrische Formen an Wände und auf den Boden. Der reale Raum wird unwirklich. Es gibt nie nur die eine Wahrheit, das ist wohl die Botschaft.

Barockschloss Lieberose , Landkreis Dahme-Spreewald: bis 10. September.

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