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Kunst In der früheren Höhle des Löwen

Käthe Kollwitz bei Kaiser Wilhelm im Haus Doorn bei Utrecht.

Kunst
Das pazifistische Plakat entstand 1924. Foto: käthe-kollwitz-museum köln

Bekanntlich war Kaiser Wilhelm II. nicht eben ein Feingeist und schon gar kein Kunstliebhaber. Er liebte, so ist es überliefert, eher derb und am liebsten protzig-barock. Und seine Kunstkommentare fielen krachig bis primitiv aus. So nannte er etwa Reinhold Begas’ erotisch-symbolistischen Neptunbrunnen (steht heute rechts vom Berliner Alexanderplatz) „Nuttenbrosche“ und die Bilder der sozialkritischen Realisten, Impressionisten und Expressionisten Berlins waren für ihn „Rinnsteinkunst“. Über seinen Kunstsinn- und Geschmack ist schon alles gesagt, wenn Besucher des Sissi-Schlosses auf Korfu, das er seinerzeit von der Österreicherin für die Sommerfrische erworben hatte, erfahren, dass er bei seiner Ankunft mit der Jacht die Korfioten auf alten Hirteninstrumenten „Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion…“ spielen mussten.

Das, was die für uns Heutige unvergleichliche Käthe Kollwitz zeichnete und bildhauerte, wäre ihm also niemals über die Schwelle gekommen. Ja, Deutschlands letzter Kaiser hat ihre humanistische, engagierte Kunst öffentlich diffamiert und kam damit sogar den Nazis zuvor. Er intervenierte 1897 höchstpersönlich, als Kollwitz für ihren Grafikzyklus „Ein Weberaufstand“ auf der „Großen Berliner Kunstausstellung“ mit einer Medaille geehrt werden sollte.

Solch monarchischer Herabsetzung spielen der Lauf der Zeit und heutige Höchstbewertungen der Kunst dieser großen deutschen Künstlerin einen Streich. Ausgerechnet an dem Ort, an dem der zum Kriegsende 1918 von der Revolution 1918 verjagte Monarch seine letzte Zuflucht suchte. Er war ins Haus Doorn bei Utrecht geflohen, wo ihm Königin Wilhelmina, Großmutter der späteren Königin Beatrix, Asyl gewährte. Von 1920 bis zu seinem Tod 1941 lebte der Ex-Kaiser dort. Er wurde da auch beerdigt.

Was da noch übrig ist von dem Pickelhauben-Militaristen, dürfte sich jetzt im Grabe umdrehen. Denn unweit davon sind jetzt viele der wichtigsten Kollwitz-Blätter- und Plastiken zu sehen. Arbeiten voller Leid-Ausdruck und Anklage gegen den Krieg, empfunden aus tiefstem Schmerz: Käthe Kollwitz hatte ihren – kriegsfreiwilligen – 18-jährigen Sohn Peter 1914 in der ersten Flandernschlacht verloren. Die Anklagen der in Königsberg geborenen Berlinerin stehen und hängen inmitten von Arbeiten anderer deutscher und niederländischer Künstler, die sich mit den Gräueln der Materialschlachten, Schützengräben, mit den Senfgasmassakern auseinandergesetzt haben, so Ernst Barlach, Mari Andriessen, John Rädecker.

„Verzet en Verdriet in Beeld“ (Widerstand und Leid in Bildender Kunst) heißt die bewegende Schau, die ein Jahr lang laufen wird. Im Blickpunkt steht die Bronze „Mutter mit totem Sohn“(„Pietà“). Und die Lithografie „Nie wieder Krieg“. Sie begleitet bis heute als Plakat Protestmärsche und Demonstrationen der Friedensbewegung.

Und so ging diese Künstlerin, die Goethes Satz „Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden“ zum Bild machte, im Haus Doorn postum in die einstige „Höhle des Löwen“.

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