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Kunst Deutschland räumt bei Biennale in Venedig ab

Löwe trifft Löwin: Die Kunst-Biennale Venedig vergibt ihre höchsten Auszeichnungen an Anne Imhof und Franz Erhard Walther.

57. Kunstbiennale Venedig
Preisträgerin Anne Imhof (Mitte) und Kuratorin Susanne Pfeffer (links). Foto: Andreadpa

Überraschend kommt die höchste Auszeichnung der Kunst-Biennale von Venedig für Anne Imhof nicht. Die 39-Jährige setzte sich mit ihrem gesellschaftskritischen Gesamtkunstwerk aus Musik, Film, Aktion, Installation und bildender Kunst bereits in den Eröffnungstagen meilenweit von ihren Mitbewerbern ab. Auf ihrer Seite hatte sie die Wucht eines geschichtlich aufgeladenen Settings, das sie bis auf die nackte Haut entkernt hat.

In dem monumentalen White Cube des deutschen Pavillons wähnt man sich wahlweise wie in einem pervertierten Sanatorium, in den aseptischen Verliesen einer Pathologie oder einem futuristischen Purgatorium, dessen Insassen mit Seife und Wasserschläuchen traktiert werden, um sie von ihren ominösen Verfehlungen zu befreien. Selbst der Boden gibt keinen Halt. Er gewährt durch das Panzerglas Einblicke in ein von traurigen Kreaturen bewohntes Unten, auf das man als Besucher regelrecht herabzusehen gezwungen ist.

Schaut man beklommen weg, ist man keineswegs aus dem Schneider. Untermalt von einer suggestiven Musik sieht man sich überall eingesogen in eine Interaktion aus Blicken, Macht- und Unterwerfungsgesten, kunstgeschichtlichen Zitaten, sich zusammenrottenden Gruppen und auf sich selbst gestellten Individuen.

Imhof erprobt in einer fünfstündigen Endlosschleife zwischenmenschliche Konstellationen an einem Ort, dessen Verwicklungen in die NS-Zeit sie nie aus dem Blickfeld verliert. Aber auch vor der alles ökonomisch verwertenden Gegenwart gibt es kein Entkommen. Das Klicken der Fotoapparate und Smartphones gerät dabei zu einem regelrechten Raubzug der Intimität des Gegenübers. Ein vergebliches Unterfangen, denn erst aus dem erlebten Gesamtgeschehen lässt sich so etwas wie ein deutungsmultipler Mehrwert extrahieren. Die Einzelbilder entziehen sich einem Sinnzusammenhang.

Selten hat man sich als Zuschauer einer Performance in eine derart ambivalente Position gedrängt gefühlt. Voyeur, Mitwisser, Täter. Die Intensität der Erfahrung und das Theater der Grausamkeit, dem diese um ihre Integrität mal wütend, mal entkräftet kämpfenden Seelen ausgeliefert sind, hat nicht wenige zum Weinen gebracht. Vor diesen faustischen Zumutungen kann sich niemand in eine Wellnesszone nutzlos schöner Dinge oder mutwillig verrätselter Diskurse entziehen. Imhofs Vorgehen ist konkret und zugleich offen genug, um zu den unterschiedlichsten, auch weniger kunstaffinen Menschen vorzudringen. Und die Krönung zur vergoldeten Löwin ist nun mal die Währung, mit der sich das System widerspenstige Talente ihres Kalibers gerne einverleibt. Wie entzieht man sich dieser Zähmungsoffensive? In der man weiterhin ungefiltert brüllt. Vielleicht gleich im Duett?

Dass Deutschland mit Franz Erhard Walther als bester Künstler gleich zweifach abräumt, war neben Imhofs unausweichlichem Durchbruch nicht abzusehen. Dabei hat das generationsübergreifende Gespann durchaus etwas gemeinsam. Auch der 77-Jährige legt Wert darauf, dass der Betrachter in seinen Werken, mit Vorliebe aus Textil, aktiv werden kann.

Zum Beispiel indem er die Einzelteile anzuziehen versucht. Um an Imhofs Gedankenwelt teilhaben zu können, muss man sich zwangsläufig mitten in den Dschungel der Emotionen vorwagen. Denn die Hölle, wie schon Sartre meinte, sind die Anderen.

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