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Kunst darf auch ein Vorwand sein, das Leben zu betrachten

Palermo erweist sich als idealer Ort für die europäische Kunstbiennale Manifesta in ihrer zwölften Ausgabe.

Kunst
Graffitikunst im öffentlichen Raum von Palermo, hier an der Piazza Magione. Foto: Manifesta/Cave Studio

Gerade eben war es noch die reine Pracht. Man hatte Großblättrige Feigenbäume bestaunt, wie man sie nie zuvor gesehen hatte: 50 Meter hoch, mit rippenartigen Brettwurzeln, die so groß sind wie man selbst. Das Gewächs stammt ursprünglich aus Australien, aber die prächtigsten Exemplare Europas findet man im Botanischen Garten in Palermo. Und nicht nur die. Auch vor den gigantischen Florettseidenbäumen aus Südamerika mit ihren bauchig geschwollenen Stämmen, den lustigen Stacheln, die warzenförmig aus der Rinde ragen, und den wolligen Kuschelblüten steht man staunend. Aufzählen ließe sich jetzt noch allerhand, die Seerosen, die Flamingoblumen und und und. Und plötzlich steht man auf einer Metalltreppe und schaut über eine Mauer auf ein verrottendes Gasometer – ein fast schon unwirklicher Anblick.

Pflanzen haben sich des Industriecontainers bemächtigt, Gewächse, die bereits seit Millionen von Jahren auf der Erde leben und wohl noch da sein werden, wenn der Mensch längst Geschichte ist. Das Aufstellen der Treppe ist ein Werk des Amerikaners Michael Wang, der zur zwölften Manifesta, die unter dem Motto „Cultivating Coexistence“ steht, allerhand in den herrlichen Park gebracht hat, etwa diverse Deko-Brunnen, von denen einer mit einer blubbernden grün-blauen Flüssigkeit gefüllt ist. Die Farbe entsteht durch zugesetzte Cyanobakterien, auch Blaualgen genannt, die zu den ältesten Lebensformen der Welt gehören und zu den ersten, die Photosynthese betrieben. Schön sieht das aus und ist gleichzeitig schrecklich, weil sich die Blaualgen durch Abwässer vermehren und überall auf der Welt die Wasserqualität mindern. Nur eines von zahlreichen Beispielen, wie das Vorhandensein des Menschen sich auf die Natur auswirkt.

Pracht und Verfall – es gibt wohl nur wenige Orte auf der Welt, wo beides so eng miteinander verwoben ist wie in Palermo. Eine Stadt, die wie geschaffen scheint, für die europäische Wanderbiennale, die sich zum Ziel gesetzt hat, relevante gesellschaftliche und politische Themen an virulenten Orten zur Sprache zu bringen. Es geht also um den Klimawandel, aber viel mehr noch geht es in Palermo um Migration, das Thema der Stunde an einem Ort, der zeigt wie es funktionieren kann.

Einst fielen hier die Phönizier ein, die Griechen, Römer, Araber, unter denen Palermo im Mittelalter einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte. Es folgten die Normannen, Staufer, Spanier, Savoyer, Österreicher, Bourbonen und schließlich die Italiener. Und alle haben sie ihre Spuren hinterlassen – in der Architektur, dem Essen und natürlich durch jene, die hier wohnen, Völker aus allen möglichen Ländern, die in Palermo auf eine lässige Weise zusammenleben, wie das sonst fast nirgends zu gelingen scheint.

Ginge es nach dem Bürgermeister Leoluca Orlando, der mit seinem Kampf gegen das Verbrechen hier wahre Wunder bewirkt hat, gäbe es gar keine Restriktionen für Flüchtlinge. Mit Mut und Geschick hat er aus der Stadt, die, als er 1985 zum ersten Mal an ihre Spitze gewählt wurde, 250 Mafiamorde im Jahr zu beklagen hatte, einen offenen, multiethnischen, multireligiösen und weitgehend sicheren Ort der Kultur gemacht.

Und es ist dieser Ort, der weit mehr im Zentrum der Manifesta steht als die Kunst selbst. Und vielleicht sollte man der Kunst das hoch anrechnen, dass sie sich nicht in den Vordergrund drängt. An 20 historischen Orten, darunter Kirchen, Gärten und Paläste, allesamt keine Kunstinstitutionen und viele davon sonst nicht zu besichtigen, werden Arbeiten von 50 Künstlern gezeigt. Meistens nimmt man die Videos, Bilder und Skulpturen erst auf den zweiten Blick wahr, weil die Aura der Ausstellungsorte so stark ist: Pracht und Verfall, wie wunderbar wirkt das.

Zum Beispiel der marode Palazzo Butera aus dem 17. Jahrhundert, der seit 2016 in Privatbesitz ist und nun restauriert wird. Eine Reihe von Arbeiten darin beschäftigen sich mit Pflanzen, Vögeln oder dem Umgang von Menschen mit Natur, doch im Vergleich zu dem, was schon da ist – die teilweise zerstörten Deckenfresken zum Beispiel – bleibt die aktuelle Kunst trotz schriller Farben seltsam blass. Der Palazzo Ajutamicristo, ein Adelspalast aus dem 15. Jahrhundert, dessen Architektur mit seinen grazilen Arkaden den gotisch-katalanischen Stil auf barocke Weise neu interpretiert. Hier sind im Wesentlichen politische Werke zu sehen, wie die Arbeit des libanesischen Künstlers Rayyane Tabet, der sich mit der stillgelegten Trans-Arabischen Pipeline (Tapline) auseinandergesetzt hat, einem längst geschlossenen amerikanischen Unternehmen zum überirdischen Transport von Öl aus Saudi-Arabien in den Libanon. Noch heute ist die Pipeline das einzige Objekt, das fünf politische Grenzen überwindet – ein interessanter Fakt. Tabet symbolisiert ihn mit einer Reihe von Stahlringen, was nur mäßig überzeugt, aber immerhin.

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