Lade Inhalte...

Kunst Beharrlich verstören

Die deutsche Künstlerin Isa Genzken feiert ihren 70. Geburtstag.

Isa Genzken
Isa Genzken 2016 im Berliner Martin Gropius-Bau. Foto: dpa

Ich wollte schon immer den Mut haben, total verrückte, unmögliche und auch falsche Dinge zu tun“, so erklärte die gebürtige, in Hamburg aufgewachsene Schleswig-Holsteinerin Isa Genzken vor zwei Jahren in ihrer großen Berliner Schau im Gropius-Bau. „Mach Dich hübsch“, lautete der Titel. Genzken hatte kühn und ironisch nach einer Ikone gegriffen, setzte multiplen Nofretete-Kopien bunte Sonnenbrillen auf. Und sie verkleidete Schaufensterpuppen mit eigenen Klamotten, sämtlich eine krasse Art von Selbstporträts.

So ist das immer bei Deutschlands eigenwilligster, beharrlich unangepasstester Bildhauerin. Die auf der Documenta in Kassel und auf Biennalen Gefeierte – letztes Jahr bekam sie den Goslarer Kaiserring, eine der weltweit wichtigsten Auszeichnungen für Kunst – leidet seit langem an ein bipolaren Störung.

Aber sie macht, was andere Betroffene verzweifeln lässt, produktiv. Sie verstört, gibt Rätsel auf. So sind ihre Arbeiten nie nur das, was man auf den ersten Blick sieht.

Meisterschülerin von Gerhard Richter

Heute wird Isa Genzken 70 Jahre alt. Sie feiert das ab heute mit einer Ausstellung in der Berliner Galerie Buchholz. Natürlich nimmt sie da wieder dieses ironisch verwirrende Spiel zwischen Kunstwerk und Betrachter auf. Man darf das alles, woraus diese Frau ihren abstrus glitzernden Bilderkosmos baut, formt, montiert und drapiert, privat nennen, ihre eigene Biografie als Quelle bezeichnen.

Dass die einstige Meisterschülerin des Weltstars unter den Malern, Gerhard Richter, nach ihrer Ehe mit ihm (1982–1993) zunächst als „die Frau von ...“ gehandelt wurde, ist längst kein Thema mehr. Sie hat sich mit ihrem Eigensinn, ihrer störrischen Ästhetik selbst in die Kunstgeschichte eingeschrieben. Überdeutlich ist ihre Affinität zum Alltagstrash und zur Großstadtkultur, ihre Sicht auf Fassaden, konkret in New York, wo sie lange lebte, und in Berlin, wo sie heute zu Hause ist. „Ich verknüpfe gern Dinge, die vorher zusammenhanglos dastanden“, sagt sie. „Diese Verbindung ist wie ein Händedruck unter Menschen.“

Fast schneidet sich der Blick an ihren doppeldeutigen Installationen, auch den „Sozialen Fassaden“. Für den Wettbewerb für eine neue Bebauung des Ground Zero, als 9/11-„Memorial“ für den New Yorker Terroranschlag, hatte sie ein mit Papierblumen verziertes Ensemble von Tower, Parkhaus, Shopping-Mall, Kirche und Disco entworfen – das Gedenken als krasse Wendung. Sie wagte es antipathetisch, lesbar als Konsum-, als Gesellschaftskritik.

Ihre frühere Leidenschaft für die minimalistische Bauhaus-Ästhetik führte sie bis heute in einen trash-kulturellen Höllengarten der Lüste, mit Industrie-Abfall und Deko-Überfluss, bizarren Klamotten, Rollstühlen, buntem Plexiglas, Krimskrams, leeren Pizzakartons. Nicht den bösen Mächten der Natur, sondern der grassierenden Wohlstandsverwahrlosung unserer Tage gilt Genzkens unverblümter Kommentar.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen