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Kunst aus Südafrika Narben der Vergangenheit

In Frankfurt trifft Sam Nhlengethwa auf seine Kunst aus Apartheidszeiten: Begegnung mit einem der bekanntesten Künstler Südafrikas. Im Museum Weltkulturen wird ab Dezember eine Ausstellung seiner Werke zu sehen sein.

„Die Inspiration ist sofort da, wenn man sich auf den Pfad der Erinnerung begibt“, sagt Sam Nhlengethwa. Foto: Alex Kraus

Zwei Linien ziehen sich über Sam Nhlengethwas linkes Knie. „Da bin ich als Junge über den Zaun meiner Großmutter gestiegen“, erklärt der 60-Jährige die eine Narbe; an einen Fahrradunfall erinnere die andere. Auch die Hand des Künstlers zieren Spuren von der Arbeit mit widerspenstigem Material. „Diese physischen Narben erinnern mich an mein Wachstum, meine Entwicklung als Mensch und als Künstler“, sagt Nhlengethwa. Sie gingen nicht weg, aber er könne über sie lachen. Sie schmerzten nicht mehr.

Nicht kontrollieren, nicht heilen ließen sich hingegen die unsichtbaren, die emotionalen Narben, die Nhlengethwas Seele davon getragen hat. Damals, als sein Land ihn als Mensch zweiter Klasse behandelte, damals, „als wir morgens aufwachten und Soldaten wieder Menschen jagten und töteten“. Er spricht es nicht aus, aber er meint: Weiße Soldaten, schwarze Menschen. Damals, im rassistischen Apartheidsstaat Südafrika.

„Die Apartheid ist ein Riesenthema, das lässt sich nicht einfach abhaken“, sagt Nhlengethwa. Immer wieder breche eine Narbe auf und schmerze. „Diese Narben haben sich uns eingebrannt.“ Und doch bestimmt nicht die Vergangenheit allein sein Werk.

Nhlengethwa hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Minenarbeiter porträtiert und Jazzkünstler, auch während des Interviews untermalt Miles Davis seine Worte. Er hat sich von Unterhaltungen inspirieren lassen oder von Einrichtungsdesign und hat in seiner Serie „Tributes“ Werke von so unterschiedlichen Vorbildern wie Gerard Sekoto, Henri Matisse, Robert Hodgins oder Jean-Michel Basquiat in Räumen mit leeren Sitzgelegenheiten inszeniert.

„Ich male, was ich mag“, sagt er mit Bezug auf das Buch „I write what I like“ des ermordeten Anti-Apartheidsaktivisten Steve Biko, dem er eines seiner bekanntesten Gemälde widmete. So habe auch die 1994 für Südafrika erkämpfte Demokratie ihn zwar sicher beflügelt, aber nicht grundsätzlich seine Arbeit verändert.

Nun aber ist Nhlengethwa bewusst noch einmal zurückgekehrt in jene dunkle Zeit, als er noch nicht einer der bekanntesten Künstler Südafrikas war, vertreten von der Goodman Gallery Johannesburg, der seine Kunst rund um die Welt in Ausstellungen zeigt, 2013 etwa bei der Biennale in Venedig.

Gut zwanzig Jahre nach Ende des rassistischen Apartheidsystems, traf Nhlengethwa fernab seiner Heimat Johannesburg auf Spuren seiner Vergangenheit. Er hat einige Sommerwochen in Frankfurt verbracht, das Weltkulturen Museum hat den 60-Jährigen für einen Residency-Aufenthalt eingeladen. Und in den kühlen Räumen am Schaumainkai sichtete Nhlengethwa Drucke und Collagen die er und andere schwarze Südafrikaner zu einer Zeit schufen, als ihnen in ihrer Heimat der Zugang zum akademischen Kunstbetrieb verwehrt war.

„Es ist eine wunderschöne Überraschung, meine Arbeiten nach fast 30 Jahren wieder zu sehen“, sagt Nhlengethwa berührt. Denn ihren Weg nach Frankfurt fand seine Kunst schon zu Apartheidszeiten. Es war ein explizit politisches Statement, dass der Frankfurter Pastor Hans Blum im Auftrag des Museumsdirektors Josef Franz Thiel 1986 rund 600 Kunstwerke schwarzer Südafrikaner erwarb, darunter heute international renommierte Namen wie Peter Clarke, Lionel Davis, David Koloane, John Muafengejo, Dan Rakgoahe, Azaria Mbatha – und eben auch Sam Nhlengethwa. Viele von ihnen seien Mitschüler gewesen am Rorke’s Drift Art Centre in Kwa-Zulu Natal, einem außeruniversitären Kunsthandwerkszentrum und eine der wenigen Ausbildungsmöglichkeiten für schwarze Künstler seiner Generation.

Unter den vielen schwarz-weißen Holz- und Linolschnitten der Frankfurter Sammlung stechen Nhlengethwas bunte Collagen heraus. Sie muten nahezu heiter an, die in warmen Farben aquarellierten Häuser, bis man näher herantritt und die angsterfüllten Gesichter sieht, die rennenden und gestürzten, verletzten und toten Menschen, ausgerissen aus Zeitschriften, vor der Kulisse eines Townships. Wie ein Chronist seiner Zeit hat Nhlengethwa festgehalten, was seine Jugend prägte: Zwangsumsiedlungen, Unterdrückung, Mord, den Protest der schwarzen Township-Bewohner dagegen – aber auch normale Alltagsszenen. „Wir lebten damals unter der dunklen Wolke der Apartheid. Als kreativer Mensch konntest du das nicht ignorieren, es war sehr spontan, was wir produziert haben damals.“

„A Labour of Love“ wird die Frankfurter Schau heißen

In Frankfurt hat Nhlengethwa die Apartheidsthematik in neuen Arbeiten wieder aufgegriffen. „Die Inspiration ist sofort da, wenn man sich auf den Pfad der Erinnerung begibt“, sagt er mit Blick auf seine damaligen Bilder. Im Dezember wird Nhlengethwa erneut nach Frankfurt kommen, dann werden die Werke der Künstler aus der Sammlung Blum gemeinsam mit seinen in Frankfurt neu geschaffenen Arbeiten ausgestellt.

„A Labour of Love“ heißt die von der südafrikanischen Kunstdozentin Gabi Ngcobo und ihren Studenten kuratierte Ausstellung in Anlehnung an ein Zitat des Anti-Apartheidsaktivisten Albie Sachs, der einst die Frage aufwarf, ob im Freiheitskampf die Liebe zu sehr in den Hintergrund gerückt sei.

Dass ausgerechnet ein ethnologisches Museum sich nun seiner Kunst widme, sei für ihn nebensächlich, sagt Nhlengethwa. Er freue sich viel mehr, wie sorgfältig die Arbeiten in Frankfurt verwahrt worden seien. „Früher hatten wir keine Möglichkeiten, unsere Kunst der Welt zu zeigen“, sagt der Vater dreier Töchter. Dass er als einer der wenigen Künstler Südafrikas, wie auch weltweit, heute alleine von seiner Kunst leben könne, sei ein großes Privileg. Die Erfahrung lehrt ihn: „Kunstliebhaber kommen ohnehin überall hin“. Selbst ins Südafrika der Apartheid.

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