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Kunst aus Südafrika Das Lied des freien Vogels

Südafrikaner Kemang Wa Lehulere widmet sich in seiner ersten Ausstellung in Deutschland vergessener Geschichte.

Kapstadt
Kemang Wa Lehulere in seinem Atelier in Kapstadt. Foto: Paul Samuels

Wie erlebte das Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, eines Iren, die Apartheid? Die Eltern durften wegen der Rassengesetze nicht heiraten; die Mutter wollte nicht mit nach Europa gehen; blieb zurück. Sie starb, der Junge wuchs bei Tanten auf.

Nach den brutalen Gesetzen der Apartheid war er ein „Sündenfall“: Kemang Wa Lehulere aus Kapstadt war zehn, als der ANC siegte, Nelson Mandela Präsident Südafrikas wurde. Den Tag wird er nie vergessen. Der „Sündenfall“ im biblischen Sinne aber, das hatte schon der im Township Guguletho Heranwachsende erkannt, waren lange zuvor die Kolonialisierung, die brutale Unterdrückung und Entrechtung, die Rassentrennung. Und die Vertreibung aus dem Garten Eden war für ihn die Ghettoisierung in den Townships. Der schwarze Junge Kemang, im Jahr 1984 noch Frucht der verbotenen Liebe zweier Jazzmusiker – und heute, nach Schauspielerfahrung und Kunstakademie – einer der bemerkenswertesten Künstler seiner Generation im Land – hat seine Kindheitserinnerungen gepaart mit der Geschichte vergessener schwarzer Künstler.

Überall an den Wänden der Berliner DB-Kunsthalle Unter den Linden sind, zwischen seinen großen poetisch-abstrakten Zeichnungen, die Bilder einer alten Malerin zu sehen: Gladys Mgudlandlu (1917-1979), eine Lehrerin, die erst mit vierzig zu malen begonnen hatte. Meist malte sie wunderschöne expressive, nachgerade eskapistische Vögel, weitab allen Elends der Schwarzen. Diese Vögel waren frei. Darum hieß Gladys auch „die Vogelfrau“. Sogar die Weißen nannten sie so.

Linien, berechnet mit Fantasie

Wa Lehulere begab sich im Haus der Malerin auf Spurensuche; seine Tante war dort als Kind ein- und ausgegangen und wusste von der inzwischen weitgehend vergessenen Kunst der Verstorbenen. Dann haben sie dafür gesorgt, dass auch deren eigentümlich schöne, aber überstrichene Wandgemälde im Haus freigelegt wurden. Und der junge Künstler zeichnete „seine“ Vögel im Dialog mit den ihren, als poetische Schwingen, Köpfe. Schnäbel, als starke und feine, fragile Federn und grenzenlose Fluglinien, berechnet mit Fantasie.

Mitten in die DB-Kunsthalle setzte Wa Lehulere – der „Künstler des Jahres 2017“ im Kunstprogramm der Deutschen Bank – auch Installationen von alten, verschlissenen Schulbänken, von an Metallrohren hängenden Kathedern, zu Vogelhäuschen zusammengezimmerten Holzteilen. Als Halbwüchsiger hat er das Tischler- und Schreinerhandwerk gelernt. Das war ihm sehr dienlich für seine Kunst. Diese Gebilde werden nun zu Erinnerungs-Skulpturen an die Schulzeit im Township, an die eigene Familiengeschichte und zugleich an das Wirken der schwarzen Lehrerin, bevor sie Malerin wurde.

Ihn interessiere das Vergängliche, das habe ihn auch bei Gladys angezogen, sagt Wa Lehulere. Und vergänglich, aber nicht vergessen, ist die afrikanische Geschichte der 51 hölzernen, von der Hallendecke baumelnden „Broken Wings“ – alles Krücken. Die hat er ebenfalls aus alten Schulmöbelteilen gebaut. Riesige Schraubzwingen pressen pro Krücke je eine Xhosa-Bibel und jeweils zwei Gebissabformungen (es sind Wa Lehuleres eigene Zahn-Abdrücke) zusammen. Was für eine Metapher für Zwang und Unfreiheit. Im Namen des Christentums.

Die suggestive Wandarbeit an der Frontseite der Halle nimmt man als Botschaft mit hinaus in die Stadt Berlin, die seit 28 Jahren keine Mauer mehr trennt, in der Frei-Sein längst eine Selbstverständlichkeit ist: Aus einer tiefschwarz gestrichenen Gipswand hat der südafrikanische Künstler seinen „Every Song“ herausgeschnitten, herausgekratzt und die gipsstaubenden Reste unten liegen gelassen. Als Zeugen einer Einschreibung: Er schnitzte Reihen von Händen, in der Zeichensprache für Gehörlose: Man deutet Aufbegehren, Trotz, Mut, Zivilcourage. Selbstbewusstsein. Und auch Glaube-Liebe-Hoffnung, ganz im Sinne Martin Luther Kings.

Das Individuelle wird in Wa Lehuleres so emotionaler wie abstrahierter Kunst zum Universellen, die eigene Familien-Gesichte zu der namenloser anderer Afrikaner und Afroamerikaner. Auch darum nennt er seine Schau „Bird Song“ nach einem einst für die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba geschriebenen Lied.

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