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Kunst Asche der Malerei

Anfang der 60er Jahre saß Gerhard Richter in der Falle – das Kunstmuseum Bonn zeigt, wie er herausfand.

Als Gerhard Richter aus Dresden nach Düsseldorf kam, fing er als Maler noch einmal ganz von vorne an – und das im Alter von immerhin 30 Jahren. Er arbeitete wie im Fieber, gewann den Respekt seiner Mitstudenten an der Kunstakademie und war doch nie mit sich und seinem Werk zufrieden. Er wollte malen, aber nicht so wie alle anderen, und vor allem wollte er „unmalerisch“ malen. Aber er wusste nicht, wie.

Eines Tages machte er im Hof der Akademie dann ein schönes Feuerchen und verbrannte allerlei Müll aus seinem Atelier – und auch beinahe alle Bilder, die in seiner Düsseldorfer Zeit entstanden waren. Später bezeichnete er dieses Autodafé spaßeshalber als „Aktion“, als sei er damals zu den Beuys’schen Aktionisten übergelaufen und das Verbrennen eines Gemäldes die einzige verbliebene Möglichkeit, dieses zu vollenden. In Wahrheit muss ihm eher zum Heulen zumute gewesen sein.

Gerhard Richter fand dann doch noch einen mittlerweile weltberühmten Weg zu malen, ohne im klassischen Sinne zu malen: Er tat „das Dümmste, was ich mir vorstellen konnte“, so Richter, und kopierte Fotografien, um anschließend durch die nasse Farbe zu wischen und die banalen Bilder eines leeren Stuhls oder zweier durch eine Landschaft sausender Fiats „unscharf“ zu machen. Ähnlich „dumm“ schauen auch seine damals entstandenen scharfgestellten Gemälde von Türen, Fenstern und Vorhängen aus: Hinter ihnen öffnet sich keine Welt, sondern gähnt das trostlose graue Nichts.

Diesen prägenden frühen Jahren im Werk von Gerhard Richter ist jetzt eine mit 25 Werken bestückte Ausstellung im Kunstmuseum Bonn gewidmet. Es ist eine weitere Schau zum 85. Geburtstag des Kölner Malers und gewissermaßen der Gegenentwurf zum Geburtstagsgruß im Kölner Museum Ludwig. Wurde Richter dort als heißblütiger Farbzauberer gefeiert, der sich in seinen abstrakten Arbeiten der vollkommenen Freiheit des Malens hingibt, sinkt die Farbtemperatur in Bonn in Richtung Nullpunkt der Konzeptkunst. Alles so schön unbunt hier, denkt sich der Besucher vielleicht ein wenig fröstelnd, zumal, wenn er gerne im gewürfelten Sonnenlicht des von Richter gestalteten Kölner Domfensters badet. Aber genau deswegen ist die von Christoph Schreier zusammengestellte Schau „Über Malen – Frühe Bilder“ eine gute Ergänzung zur mittlerweile nach Dresden weitergewanderten Ludwig-Schau.

Im ersten Saal steht man zunächst einmal einem Kölner Bild gegenüber: den 1967 entstandenen „5 Türen (I)“ aus dem Museum Ludwig. Wie in einem wandfüllenden Daumenkino scheint sich auf fünf Einzelbildern eine Tür allmählich zu öffnen – um den Blick auf eine grau in grau gestrichene Wand freizugeben. Gerhard Richter spielte hier mit der klassischen Vorstellung, die Malerei sei eine Tür oder ein Fenster in eine andere, künstlerisch verdichtete Welt, um diese Erwartung dann beinahe cartoonhaft zu enttäuschen. In diesem Stil geht es weiter: Auf zwei Fensterbildern sind lediglich die rasterförmigen Schatten des Fensterrahmens auf der Wand zu sehen – das Fenster eröffnet nur den Blick auf sich selbst -, die Vorhänge der beiden grauen Vorhangbilder bleiben geschlossen (lassen aber wenigstens die Augen flimmern) und im von Richter als Bild-Ersatz an die Wand gehängten Spiegel sieht man nur das, was ohnehin schon da ist. Sehr viel weiter lassen sich die Zweifel an den klassischen Theorien der Malerei nicht treiben, und für Richter waren diese Zweifel in den 1960er Jahren die Rettung aus höchster Not.

Eigentlich saß Gerhard Richter damals in der Falle: Er wusste, dass die Malerei ihre klassische Funktion verloren hatte (weil die Fotografie die Welt besser und getreuer festhält), und er glaubte nicht an das Heldentum der abstrakten Maler, denen es genügte, sich vor oder über der Leinwand zu verausgaben. Also machte er es sich im Paradox bequem und setzte seine Zweifel an der Malerei ins gemalte Bild. Das klingt heute ganz einfach und so einfach sehen seine grauen oder verwischten Gemälde heute auch aus. Aber um 1964 war es für Gerhard Richter das genaue Gegenteil: Er wagte es, noch einmal neu anzufangen, die Farbe zu verbrennen und mit der Asche zu malen. Das Dümmste zu tun, was einem einfällt: So mutig muss man erst einmal sein. Und auch so schlau.

 

Kunstmuseum Bonn: bis . Oktober.

Der Katalog kostet 29,90 Euro.

www.kunstmuseum-bonn.de

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