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Käthe Kollwitz Zärtlich wie der Tod

Eine Ausstellung in Köln: Die großen Dramen zweier Jahrhunderte im Werk der Künstlerin und Pazifistin Käthe Kollwitz.

Kollwitz
Käthe Kollwitz: „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“, 1941. Foto: Käthe Kollwitz Museum, Köln

Am 24. Oktober 1918 gab die deutsche Marineführung einen Flottenbefehl heraus, mit dem sie ungewollt das Ende des Kaiserreichs beschleunigte. Statt in die Entscheidungsschlacht gegen die britische Marine zu ziehen, begannen die Matrosen zu meutern, in Kiel verbündeten sich die nicht minder kriegsmüden Arbeiter mit ihnen, und bald hatte der Aufruhr die Hauptstadt Berlin erreicht.

Auch Käthe Kollwitz mischte sich als überzeugte Sozialdemokratin und engagierte Kriegsgegnerin unter die Aufständischen der Novemberrevolution – zugleich suchte die berühmte Künstlerin nach Motiven, wie sie sich nun einmal nur in bewegten Zeiten finden lassen. Am Abend fasste Käthe Kollwitz den hautnah erlebten Revolutionstag in ihrem Tagebuch zusammen: „Ich bin dann lieber nach Hause gefahren“, schrieb sie, „es wurde geschossen.“

In interessanten Zeiten zu leben, so eine alte Weisheit, ist Fluch und Segen zugleich, und die 1867 geborene Kollwitz erlebte mehr, als ein Menschen- und Künstlerleben für gewöhnlich aushält: die sozialen Kämpfe des Kaiserreichs, der Weltkrieg, die Dramen der Weimarer Republik, der Aufstieg Hitlers und zuletzt der Zweite Weltkrieg, in dessen letzten Tagen sie, zum Schweigen gebracht und beinahe gebrochen, starb. Zählt man die privaten Schicksalsschläge hinzu, insbesondere den Tod ihres 1914 gefallenen jüngsten Sohns, so war Kollwitz nicht nur eine mit Stoff und Inspiration überreich versorgte Künstlerin, sondern, gerade was die Leidensfähigkeit angeht, auch eine exemplarische Figur des vergangenen Jahrhunderts.

In einer Hinsicht war Käthe Kollwitz gleichwohl einzigartig: Sie konnte das menschliche Leiden und das Aufbegehren dagegen zum Sprechen zu bringen wie kein anderer Künstler ihrer Zeit – und so ist die Ausstellung „Zeitenwenden – Umbruch und Aufbruch im Werk von Käthe Kollwitz“ im Kölner Käthe Kollwitz Museum auch mehr als nur eine großzügig umgestaltete und um jüngere Ankäufe sowie selten gezeigte Depotschätzchen ergänzte Sammlungspräsentation.

Zu jeder Zeit schlug sich Kollwitz auf die Seite der Entrechteten, Armen und Leidenden, sei es in ihren Serien zum Bauernkrieg und Weberaufstand oder indem sie im Gretchen aus Goethes „Faust“ die ungewollt schwanger gewordenen Frauen ihrer Zeit entdeckte. Und sie nahm sich die Freiheit, alles anders zu machen: Auf einer Tuschezeichnung steigt statt Gottes Sohn die Muttergottes vom Kreuz herab, um das verzweifelte Gretchen zu trösten, auf einem anderen Bild wiegt der Tod den Säugling in seinen Armen. Selbst die Zärtlichkeit wirkt bei Kollwitz mitunter grausam, und doch ist sie das einzige, was auch ihre Liebespaare von Ertrinkenden unterscheidet.

Kollwitz spiegelte die historischen Umbrüche stets in alltäglichen Gesichtern und machte sie zu unserer Privatsache. Ihr Werk zeigt bis heute, welche Macht die darin nur vom Tod übertroffene Politik über jeden Einzelnen ausübt. Gerade deswegen eigneten sich ihre Motive für die Propaganda – und zwar über Parteien- und Landesgrenzen hinweg. Im Zweiten Weltkrieg schmückten sowohl die Alliierten als auch die Sowjets ihre Flugblätter mit Kollwitz-Motiven, und selbst der junge Hitler lud im Zeichen ihrer hungernden Kinder zu Kundgebungen ein.

Nicht nur für Kollwitz war das eine bittere Pointe. Auch wir merken derzeit wieder, dass man nicht einfach nach Hause fahren kann, wenn Schüsse fallen – die interessanten Zeiten holen jeden von uns ein.

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