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Käthe-Kollwitz-Preis Der erweiterte Fotografiebegriff

Katharina Sieverding, soeben mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet, belegt mit ihrer Berliner Werkschau die Maxime: Aktualität als Motiv und Methode.

Katharina Sieverding
Kunst und Kapital, 2017. Foto: Klaus Mettig / Katharina Sieverding, VG Bild-Kunst, Bonn 2017

War er vergessen? Dieser Aufreger von April 1992? Zensiert im bundesdeutschen Süden. Und in der FAZ. Aber quer durch Berlin klebte das Fotoplakat: Ein vermummter Kopf, links und rechts dolchartige Messer. Darüber in grellweißer Schrift: Deutschland wird deutscher. So reagierte eine deutsche Künstlerin auf neue nationalistische Töne nach der Wiedervereinigung, auch auf Attacken vermummter Rechtsradikaler auf Wohnheime von Migranten in Hoyerswerda 1991. 

Und es war, als habe die einstige Düsseldorfer Beuys-Schülerin Katharina Sieverding auch die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 geahnt. Unter der Maske steckte sie selber, oft war und ist sie bis heute ihr eigenes Modell. Ihre sperrigen Fotoinstallationen sind alles andere als gefällig. Diese Pionierin eines „erweiterten“, sozial engagierten Fotografiebegriffs hat jetzt in der Akademie der Künste Berlin den Käthe-Kollwitz-Preis bekommen, dotiert mit 12 000 Euro inklusive einer großen Werkschau. 

Sieverdings Kunst, 100 Jahre später, ist engagiert

Der Bogen zur Jahrhundertkünstlerin Kollwitz (1867–1945), deren Arbeit für Kaiser Wilhelm „Rinnsteinkunst“ und für die Nazis „entartet“ war, ist rasch geschlagen: Auch Sieverdings Kunst, 100 Jahre später, ist engagiert, politisch mutig und formal kühn, ungefällig. Und lakonisch auf den Punkt gebracht. Mithin – so der Kollwitz’sche Anspruch: wesentlich. Konstant 2,52 mal 3,56 Meter messen die Motive, entstanden nach der Maxime: Aktualität! Aktualisierung als künstlerische Methode und Technik. Die Düttmann’sche Hallenarchitektur des alten AdK-Gebäudes mit niedriger Decke und offenen Sälen wird zum öffentlichen Raum. Und die sachliche Anordnung der dauerbrisanten Arbeiten aus über 40 Jahren schafft gleichsam einen Diskurs-Ort. 

Die Fotoinstallation „Schlachtfeld Deutschland“ bezog sich im November 1978 auf die Studentenrevolte in der Bundesrepublik: Lilarot auf Schwarz, wie auf einem Röntgenbild, taucht eine GSG-9-Truppe auf. Keine Spur von Deeskalation. Die Exekutive geht mit aller Macht zur Sache, so, wie manche Deutsche es wünschen und andere Deutsche es entsetzt ablehnen. Sofort knipst unser Gehirn die aggressiven Straßenkampf-Szenen vom Wochenende, dem G20-Gipfel in Hamburg, an. Sieverdings 39-jähriges Foto fragt: Was eigentlich lernen Systeme und Menschen dazu? Und an der Wand dahinter klebt die schwarz-blockige Arbeit „Art Goes Heiligendamm“, sarkastisches Statement zum G8-Gipfel 2007.

In solcher Fotografie und derartigen Film-Collagen vereinen sich Aspekte des Archivierens und des kulturellen Gedächtnisses, Selbstreflexion, Provokation, das Analytische sowie der Einfluss der Massenmedien und Technologien auf den Einzelnen. So experimentell wie politisch ist die Arbeit dieser Frau, deren Name man vergeblich auf der Liste der AdK-Mitglieder sucht, wo sie doch Protagonistin einer Künstler-Generation ist, die dafür sorgte, dass Deutschland bislang eben nicht „deutscher“ wurde, wie Sieverdings Künstler-Kollege Jochen Gerz es formuliert. Ihre Porträts wie der aus Passbildern entwickelte „Stauffenbergblock“ stehen auf künstlerischer Augenhöhe mit dem berühmten „Stammheim“-Zyklus des Malers Gerhard Richter. Unvergessen sind ihre „Steigbilder“, die in den Collagen der Ausstellung auftauchen wie Menetekel: Radiologisch durchleuchtete Schädelskelette, die sie, die 1944 in Prag geborene Tochter eines Röntgenarztes, mit Bildern eines medizinischen Bluttests überlagert hatte, stellen Fragen nach der Zukunft der Spezies Homo sapiens schlechthin.

Sieverdings Kunst ist nicht erzählerisch, sondern analytisch. „Für mich steht das Diagnostische im Vordergrund“, sagt sie. Auf diese Art und Weise läutete sie, die ihr Abitur einst am Dortmunder Käthe-Kollwitz-Gymnasium machte, das Zeitalter der großformatigen Fotokunst ein. Sie war um 1970 die erste ihrer Düsseldorfer Kunstgemeinschaft, die sich explizit der Medienkunst zuwandte. Ihren damaligen Gefährten, Freunden, Widersachern widmet sie, samt Selbstporträts, gleich am Ausstellungsbeginn die wandfüllende Schwarzweiß-Collage „Testcuts“, 1966–2010 – sozusagen der Humus ihrer Kunst.

Sieverding stellt bis heute grundsätzliche Fragen an Kunst. An deren Produktion und Rezeption. „Kein Bild“, sagt sie, „ist denkbar ohne die Gesamtheit aller Bilder, die in der Welt sind“. Das Grundthema ist so ästhetisch wie gesellschaftspolitisch: Sie verfolgt es seit ihrer Zeit in der Beuys-Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie, um 1970. Kürzlich erst ist die Serie „Global Desire“ fertig geworden. Auf dem Großfoto Nr. 1 lässt Sieverding die Polit-Gespenster der chinesischen Kulturrevolution, Mao & Co, wiederauferstehen, dies vor einer Kulisse des Riesenstaates im Reich der Mitte, der doch mit aller Macht und um jeden Preis in die Märkte der heutigen westlichen Moderne will. 

Der Querschnitt ihres Schaffens belegt gerade dies: die Suche nach Gleichnissen für die Welt.

Selbige schwanken zwischen dokumentarischen Fotos und Kompositionen, in denen mehrere Realitätsebenen übereinandergelagert sind. Bisweilen ergibt das irreale Züge – werden Bedrohung, Gewalt erfahrbar. Mikroskopische Aufnahmen bringt Sieverding mit Fotos aus Massenmedien durch Überlagerung und Überblendung in einen Zusammenhang, durch ein Computerbildprogramm verarbeitet. Es gibt scharfe Rot-, Grün-, Blau-, Schwarz-Töne, ein Stakkato vertikaler Strichmuster. Digitale Bilder können alles. Man müsse sie nur im richtigen Moment stoppen, meint sie. 

Die langjährige Professorin an der Universität der Künste Berlin, Gründerin des Studiengangs Visual Culture Studies, deren Vertrag mit dem „65.“ nicht verlängert wurde, so sehr Studenten wie Kollegen das nachdrücklich forderten, ist eine Idealistin. Das politische und wissenschaftliche Foto inszeniert zum Kunstwerk? Aber ästhetische Kriterien, losgelöst, interessieren Sieverding nicht. Sie nennt ihre Arbeiten „hybride Bildoberflächen und -räume auf der Grenzlinie von Realität und Fiktion“.

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