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Käthe Kollwitz Mensch, werde wesentlich!

Von Königsberg nach Berlin: Vor 150 Jahren kam die Zeichnerin und Bildhauerin Käthe Kollwitz zur Welt.

Radierung „Losbruch“
Die Radierung „Losbruch“ aus dem Zyklus „Bauernkrieg“ (1902-1903). Foto: epd

Es ist wahr. Und auch wieder nicht: Die spröde, oft schwermütige Kunst der Käthe Kollwitz, die am 8. Juli vor 150 Jahren in Königsberg als Käthe Schmidt geboren wurde und deren Werk und Lebensweg aufs Engste mit Berlin verbunden ist, scheint längst rauf- und runterdekliniert zu sein. Beleuchtet von allen Seiten. Und doch haben ihre herben Blätter, Plastiken und Niederschriften erstaunliche Aktualität.

Es sind Jugendliche, die im Berliner Kollwitz-Museum in den letzten Monaten die Kunst dieser ungewöhnlichen Frau aus dem Bildungsbürgertum, aus der Preußischen Akademie, auf ihre Weise interpretierten. Mit ihrem persönlichen Gespür für soziale Gerechtigkeit und derzeitige Kriege und Krisen in der Welt erkannten junge Leute die Maxime der Künstlerin: „Mensch, werde wesentlich!“ und den künstlerischen und gesellschaftlichen Wert des leidenschaftlichen Werks dieser Kriegsgegnerin und Frau eines Arztes aus dem Prenzlauer Berg, der arme Arbeiterfamilien und Asylanten ohne Bezahlung behandelte.

Käthe Kollwitz und Berlin, das ist eine Spurensuche. Ganz gleich, ob man die im privaten, derzeit leider existenzbedrohten Museum ihres Namens in der Charlottenburger Fasanenstraße beginnt, wo besagte Schüler forschten und derzeit elf enge Gefährten der Künstlerin einen besonderen, auch privaten Blickwinkel aufs Werk öffnen. Oder ob wir in der Galerie Parterre in Prenzlauer Berg 70 Leihgaben aus vielen Sammlungen betrachten, etwa Kollwitz’ Zeichnung des ermordeten Karl Liebknecht, 1919 im Leichenschauhaus. Und die Blätter zum Weberzyklus, zum „Gaswerk“, zum „Städtischen Obdach“. Oder die Gouache mit Arbeitern nach der Schicht im S-Bahnhof Prenzlauer Allee. Man kann sich einer Stadtwanderung anschließen – zu Orten, wo sie lebte, ihre Motive fand. Dahin, wo ihr zerbombtes Haus stand, in der Weißenburger Straße. Oder am Wörther Platz, heute Kollwitz-Platz.

In einer Epoche, die Künstlerinnen allenfalls „nette“ Motive zugestand, offenbaren die sozialkritischen, meist schwarz-weißen Zeichnungen, Lithos, Holzschnitte der Künstlerin aus der Preußischen Akademie der Künste eine menschenverachtende Zeit: Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise, Nazis, Zweiter Weltkrieg. Was sie sah – Not, Hunger, Tod – das wandelte sie um in expressive Kunst, die nach Humanismus ruft und zugleich die bedingungslose Liebe zwischen Mutter und Kind ausdrückt. „Ich bin einverstanden damit, dass meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in meiner Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind“ – den Satz begreift man heute in seiner Tragweite, gerade weil die Kollwitz während des Kalten Krieges – dumm und ignorant – ostideologisiert wurde.

Für sie persönlich hat sich die menschliche wie politische Tragödie wiederholt. Als sie „Saatfrüchte dürfen nicht vermahlen werden!“ zeichnete, eine ihre Kinder beschützende Frau, war das ihr einziger Ausdruck für den Schmerz, die Verzweiflung, die Ohnmacht. Darüber, dass wieder ein Krieg tobte, Hitler Europa und die Welt mit Grauen überzog, Generationen und Kulturen auslöschte. Sie hatte 25 Jahre zuvor ihren jüngeren, freiwillig eingerückten Sohn Peter zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Flandern verloren. Das ließ die anfängliche Patriotin zur Pazifistin werden. Im Zweiten Weltkrieg fiel 1942 ihr Enkel Peter an der Ostfront.

Das Kriegsende hat sie nicht mehr erlebt. „Ein jeder Krieg hat seinen Antwortkrieg schon in der Tasche ...“, resümiert sie lange zuvor im Tagebuch. Jeder ihrer herben, kargen Kohlestriche, jede Figur, jede Szene auf dem Zeichenpapier, jede Plastik trägt seit 1914 die Botschaft: „Nie wieder Krieg!“ Ja, sie hätte gefälligere Motive wählen können. Doch gerade Kollwitz’ melancholischer, schonungsloser Blick auf schwere Lebens-Themen, auch die Sehnsucht nach Liebe und Glück sind wie eingebrannt in den Linien.

Letzte Tagebucheintragung, Berlin, Mai 1943: Die Kollwitz, die sich Goethe immer nahe fühlte, schrieb dessen „Ich bin aus der Wahrheit der fünf Sinne“ (Brief an Lavater) nieder. Ihr Lebensweg endete am 22. April 1945 in Moritzburg bei Dresden. Zuletzt hatte sie, fast erblindet, nur noch Wolken gezeichnet.

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