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Jüdisches Museum Berlin Glaube, Liebe und der Himmel

Dani Levy führt seine Zuschauer mit Virtual-Reality-Brillen im Jüdischen Museum Berlin ins Leben von Jerusalem.

Über den Dächern von Jerusalem: Kameraaufbau für die Episode Hoffnung. Foto: Medea Film / Filip Zumbrunn

An einem Checkpoint zwischen dem Westjordanland und Ostjerusalem nötigt ein israelischer Soldat eine junge Palästinenserin, aus einem Linienbus auszusteigen. Ihr Pass sei abgelaufen. Doch erst gestern, protestiert sie, und sie könne schwer laufen, sie hätte eine Operation am Bein gehabt. Er aber bleibt hart: Aussteigen! Sie humpelt aus dem Bus und hinter ihm her zu einem Tisch unter einer Plastikplane hinter Barrikaden, wo er sofort das Gewehr weglegt und sie erwartungsfroh anstrahlt: Er sei es doch, ob sie sich nicht an ihn erinnere, sie hätten sich neulich in einem Krankenhaus getroffen und er hätte seither oft an sie denken müssen... Jerusalemer Anmache 2018 – zumindest in der Fiktion des in Berlin lebenden Schweizer Filmemachers Dani Levy, der vier Kurzfilme mit „Geschichten aus Jerusalem“ gedreht hat, in 3D und 360 Grad, die jetzt bis Mitte Juni Teil der „Jerusalem“-Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin sind.

Auf der Pressekonferenz zuvor erzählte Levy, dass er die palästinensische Darstellerin der jungen Frau im Bus beim Dreh dazu bringen wollte, den israelischen Darsteller des Soldaten nach seiner Offenbarung zumindest halbwegs freundlich anzusehen, aber dass sie das abgelehnt hätte. Was einen auch ohne Nahost-Konflikt nicht wundert: Erst mit der Waffe rumfuchteln und dann wie Hänschen aus der Torte springen und geküsst werden wollen? Ja, gibt Levy später in anderem Zusammenhang zu, den Frauenaspekt hätte er bei den vier Filmen tatsächlich etwas vernachlässigt. Auch deswegen würde er gerne noch weitere drehen.

„Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“ und „Angst“ sind die vier sechs- bis achtminütigen Beiträge übertitelt, nach dem Horváth-Stück oder dem Korintherbrief, umständehalber erweitert, und Levy experimentiert dabei erstmals mit der Technik der Virtual Reality. Kameramann Filip Zumbrunn hat die Kamera auf einem Reithelm auf dem Kopf getragen und ist beim Filmen in die Knie gegangen, um die Optik auf Augenhöhe der Zuschauer einzufangen. Das Ergebnis, das sich im Glashof des Jüdischen Museums an zehn VR-Stationen betrachten lässt, ist für den Stand der Technik beeindruckend.

Mit Zielfernrohr und Funk um eine Kette feilschen

Der erste Beitrag katapultiert einen in die Jerusalemer Yafo Street in eine Gruppe von Menschen, die einem Stand-up Comedian zuhört und sich sehr schnell der betrachtenden Person (also einem selbst) zuwendet. 360 Grad Yafo Street um einen herum, oben der Himmel, unten das Pflaster, echte Passanten übrigens, die die gar nicht so subtile Israelkritik des pfiffigen Comedian („Wisst ihr, warum ich meine Frau so liebe? Weil ich sie nicht sehe: Sie lebt in Ramallah!“) durchaus misstrauisch zur Kenntnis nehmen. Am Ende zwingen die (gecasteten) Zuschauer den Künstler, in einer Gasse ein – „Glaube“! – Bekenntnis zum Staat Israel auszusprechen, und auch direkt in die Kamera wird eine Verwarnung ausgesprochen.

Wessen Gleichgewichtssinn sich bei der bewegten Kameraführung in Schwindel und Übelkeit verabschiedet, kann Levys Filme über eine App von Arte auch nur in 360 Grad sehen. Insbesondere den dritten, über die „Hoffnung“ sollte man nicht verpassen, es ist zu schön, wie ein israelischer Scharfschütze in der Jerusalemer Altstadt durch sein Zielfernrohr von einer Mauer herab die Auslage eines Schmuckhändlers prüft, über das Funkgerät mit ihm über eine Kette für die Bat-Mitzwa seiner Tochter feilscht, und sich dann auch Anwohner mit Nachfragen und Ratschlägen einmischen. Am Ende fährt noch ein falscher Christus in den Himmel: ein Japaner mit Jerusalem-Syndrom.

Levy nimmt es leicht, aber keinesfalls unterkomplex, und vor dem Hintergrund der Langzeitdokumentation „24 Stunden Jerusalem“ von 2013, die auch in der Ausstellung läuft, sind die heutigen Spielszenen in Echtweltästhetik gut platziert. Warum nur sechs Wochen? Die personelle Betreuung der VR-Stationen ist teuer. Auch bei den Filmfestspielen in Cannes werden die von der Medea Film Factory gemeinsam mit dem Jüdischen Museum, ZDF und Arte produzierten Beiträge übrigens zu sehen sein – und auf dem Smartphone mit 3D-Brille ja jederzeit zu Hause.

Jüdisches Museum, Berlin: bis zum 17. Juni.

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