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Joseph Grigely Konversationen mit den Hörenden

Der taube Joseph Grigely macht Kunst aus Zetteln, mit denen ihm andere etwas mitteilen.

Joseph Grigely, ?Fishing Conversations?. Foto: Marc Domage

„Ich werde heiraten“. Die Worte stehen in Kugelschreiberschrift auf einer blauen Karteikarte. Darunter liegt ein grüner Zettel mit der Frage „Welche Art von Plattitüden?“ Ein pinkfarbenes Exemplar ist mit „Ich sollte nicht so viel trinken“ beschriftet. Sofort kreiert das Gehirn einen Zusammenhang. Dabei wurden die Zettel vermutlich zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten geschrieben. Nur der Adressat ist derselbe: Joseph Grigely, ein Künstler aus Chicago.

Grigely ist sei seinem zehnten Lebensjahr taub. Das ist inzwischen 50 Jahre her. Das Sprechen hat er nicht verlernt. Will man ihm etwas mitteilen oder fragen, muss man es allerdings aufschreiben, denn Grigely weigert sich Lippen zu lesen. Er kann es nicht, sagt er, „vacuum“ sehe wie „fuck you“ aus. Grigely ist keiner, der sich einigelt, und so sind im Laufe eines halben Jahrhunderts unzählige Zettel mit gekritzelten Botschaften entstanden. Irgendwann hat der Künstler begonnen, sie zu sammeln.

„Conversations with the Hearing“ heißt eine Werkreihe, für die Grigely die Zettel auf unterschiedlichste Arten zusammenstellt, mal nach Farben, meist nach Inhalten sortiert und immer so angeordnet, dass benachbarte Zettel Bezüge suggerieren.

Zu sehen sind diese wundersamen Werke jetzt in der Pariser Galerie Air de Paris. Es sind kryptische Notizen, die aus dem Zusammenhang gerissen ein faszinierendes, aber auch zutiefst rätselhaftes Abbild menschlicher Kommunikation bilden. Sätze, die man zwar sagt, aber unter normalen Umständen nicht aufschreiben würde („Ich muss die Kinder anrufen“ oder „Du glaubst, mein Gesang ist schlecht, das kann ich an deinem Gesicht ablesen“), sind hier verewigt auf Schmierzetteln, Rechnungen oder Papptellern. Sie führen uns vor, wie wir miteinander sprechen: abschweifend, abrupt abbrechend, oft banal („es war“, „ich bin nicht“). Für Grigely, der in Chicago an der Kunsthochschule lehrt, sind es Sprach-Zeichnungen, deren Aussagefähigkeit weit über ihren Inhalt hinausgeht. „Statt des Klangs der Stimme, der Gestik des Körpers und der Sprechpausen, gibt es die Art, wie der Stift aufgedrückt wurde, die Geschwindigkeit des Schreibens und die Verwendung von Zeichnungen, Linien und so weiter“, erklärt er.

Für seine Wandinstallationen kombiniert Grigely die Zettel sorgsam. „Josef Albers hat einmal gesagt: Man kann nicht eine Farbe neben eine andere setzen, ohne beide zu verändern. Mit Worten ist es genauso.“ Einige Zettel hat Grigely in Tischvitrinen gelegt. Sie fordern die Fantasie heraus wie ein versehentlich mitgehörtes Gespräch in der U-Bahn. Etwa jener: „Die meisten Leute erkennen mich angezogen gar nicht.“ Ein gerahmtes, vollgekritzeltes Tischtuch mit dem Titel „Paula’s Birthday Party“ verrät einiges über die Dynamik eines Abends: Immer wieder wurden Satzfetzen auf die weiße Fläche geschrieben, in alle Richtungen, übereinander, von verschiedenen Urhebern. Es wirkt atemlos, kakophonisch, verwirrend, aber auch wie ein ziemlich toller Abend: „Kein Scheiß, sie musste von ihrem Vater weg“, „Flackern“, „obdachlos“, „Buckminsters Gesicht“.

Seine Taubheit verdankt Grigely einem Unfall. Er spielte mit Nachbarskindern „King of The Mountain“. Sieger ist bei diesem Spiel, wer den höchsten Punkt eines Berges besetzt hält. Grigely fiel den Berg hinab, ein Ast bohrte sich in eines seiner Ohren. Das andere war bereits vorher taub. Für Grigely ist dieses Pech heute keine Drama mehr: „Durch meine Taubheit betrachte ich die Welt mit anderen Augen.“ Vermutlich wäre er kein Künstler, wenn er nicht taub wäre, glaubt Grigely. „Ich wäre wohl Maurer geworden, wie mein Vater.“

So aber drehen sich zahlreiche seiner Arbeiten um das Thema Kommunikation. Etwa sein (nicht ausgestelltes) Video „St. Cecilia“ (2007), für das der Künstler Menschen darum bat, Songtexte anhand von Lippenbewegungen zu interpretieren. Sowohl die missverstandenen als auch die Originaltexte ließ er vom selben Chor singen. Bei Air de Paris sind jetzt die entsprechenden Texte zu sehen. Aus „These are a few of my favourite things“ wurde „The Czar is Afraid of Everything“, aus „Jesus the Saviour is here“ wurde „Cheese and salad are here“ – das Ergebnis ist hochkomisch, auch poetisch und andererseits eine Möglichkeit für Hörende, sich in die Alltagsnöte tauber Menschen hineinzuversetzen.

Zahlen seien für ihn immer besonders schwierig zu dechiffrieren gewesen, schreibt Grigely in einem Wandtext. Warum das so ist? Der Künstler weiß es auch nicht, „nur dass Zahlen allein, wenn sie etwas bedeuten, scheinbar niemals genug sagen“.

 

Air de Paris, Paris: bis 13. Januar. airdeparis.com

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