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Josef Koudelka Die Sonne spiegelt sich im Stacheldraht

Der Fotokünstler als Zeitkritiker: Die C/O-Galerie im Berliner Amerikahaus würdigt Josef Koudelka, dem die Welt historische Dokumente verdankt.

Tschechoslowakei
Im August 1968 in der Tschechoslowakei. Foto: Josef Koudelka

Wenn es bis jetzt noch nicht passiert ist, dann jetzt: Diese Fotografien vom 21. August 1968 und den darauffolgenden Tagen brennen sich ein. Für die Älteren unter uns abermals: Durch Prag rollen Panzer, die Kanonen aufgerichtet, schussbereit. Die Armeen des Warschauer Paktes, Rotarmisten in Kampfuniform, die Kalashnikows im Anschlag – gegen die Menschen im „Bruderstaat“ CSSR.

Man vermeint die schrillen Geräusche der auf dem alten Kopfsteinpflaster und über Straßenbahnschienen quietschenden Ketten zu hören, möchte sich die Ohren zuhalten. Rauchwolken überm Wenzelsplatz, chaotischer Widerstand: Junge Männer rennen über die Straße, schwenken die Fahne der CSSR, besteigen Panzer. Angstlos, wie es scheint. Aber es gab 108 Tote, 500 Schwerverletzte.

Josef Koudelkas Zyklus „Invasion“, anonym um die Welt gegangen, gilt heute als Sinnbild der Invasion und als Meilenstein des Foto-Journalismus. Es sind Bilder jenseits von nüchterner Dokumentation, vielmehr von vibrierender Unmittelbarkeit und Intimität der Situation.

Jetzt steht man im Berliner C/O vor diesen Bildern, auf denen der Prager Frühling, der „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ stirbt. Anrührend der harte Kontrast zwischen den Invasoren auf den Straßen und jenem Jungen, der im Engelskostüm auf einem Fahrrad neben einem Pferdefuhrwerk sitzt. Eine stille Demonstration des Friedens inmitten der Gewalt. Die Fotos wurden damals heimlich aus der CSSR geschafft und an Elliott Erwitt von der Fotoagentur Magnum weitergeleitet, 1969 erstmals in westlichen Zeitschriften veröffentlicht. Um Koudelka und seine Familie zu schützen, schrieb die Agentur die Aufnahmen einem „unbekannten Fotografen“ zu. Der Overseas Press Club verlieh diesem „Anonymus“ die „Robert Capa Gold Medal“.

Die Militärs und die „auf Linie“ gebrachte Prager Polizei suchte nach dem Urheber, also entschloss sich Koudelka 1970, von einer Reise nach Westeuropa, wo er das Leben der Roma für Magnum dokumentieren sollte, nicht wieder nach Prag zurückzukehren. Erst 1984 bekannte er sich öffentlich zu dieser Serie; diese konnten Tschechen und Slowaken erstmals nach dem Ende des Ostblocks, 1990, in einer Beilage der Zeitschrift „Respekt“ sehen.

1970 bekam er Asyl in England als politischer Flüchtling und im Jahr darauf wurde er Mitglied bei Magnum; er zog nach Paris. Das Exil hat sein fotografisches Werk maßgeblich geprägt. In den zwanzig Jahren, die er ohne festen Wohnsitz, ohne Besitz, nur mit einer Kamera ausgestattet unterwegs war, fotografierte er Land und Leute: in Irland, Italien, Spanien, Portugal. Immer sind es Menschen, die eher der Vergangenheit, Traditionen und archaischen Riten verhaftet geblieben sind. Fast suggestiv wirkt ein Motiv aus der „Irland“-Serie 1976: Zwischen den Betonsperren eines Stadions stehen Männer in Mänteln und Hüten. Der Ort ist ein enges, wildes Pissoir. Über der Szene liegt Anrüchiges, Verbotenes.

Für „Wall“ reiste Koudelka zwischen 2008 und 2012 nach Israel und in die Palästinensergebiete, sein Motiv: die neun Meter hohe und heute mehr als 700 Kilometer lange Festung aus Stahl und Beton, Stacheldraht und Bewegungsmeldern. Die Panorama-Aufnahmen der monströsen Sperranlage sind erneut ein persönliches Projekt des Fotografen, der den Eisernen Vorhang erlebt hatte. Leben dort, in Jerusalem, und dahinter Menschen? Und wo sind sie? Das fragen die Fotos. Er seziert zerfetzte, einsame Landschaften im „Heiligen Land“, der Himmel düster, die Judäische Wüste vermüllt. Die Sonne spiegelt sich höchstens im Metall des Stacheldrahts.

Manchmal ist der Himmel bedrohlich wie der nächste Krieg, manchmal zeigen die Panorama-Bilder Graffiti auf Betonwänden, als spiegle sich so der israelisch-palästinensische Konflikt in Comic-Gewaltfantasien. Das Schwarzweiß aller Serien fällt auf durch ausgeprägte grafische Abstraktion. Dies ist stilistisch gleichsam prägend für weitere Generationen von Fotojournalisten. Die Menschen wirken auf den Bildern oft verloren, auch weil Koudelka sie gerade in Grenzbereichen, in Grauzonen fotografierte. Gleichzeitig haben viele seiner formal strengen Arbeiten einen grotesken bis humoristischen, immer aber humanen Aspekt. Die Aufnahmen sind intim und zugleich einfühlsam.

Da ist dieser abgerissene Arm des riesigen Stein-Monuments des 1989 hingerichteten rumänischen Diktators Ceausescu, der 1994 abtransportiert wird. Denkmalsturz. Genugtuung liegt in diesem Bild. Aber nun folgen die Mühen der Ebene. In solch herber Art philosophisch sind Josef Koudelkas Bilder.

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