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John Bock in Berlin Absurde böse gute Welt

Im Moloch der Wesenspräsenz: Der Aktionist John Bock mit einer fabelhaften Grusel-Ausstellung in Berlin.

John Bock
Aus dem Film „Cowwidinok“. Foto: David Schultz

Diesmal wird die Wand nicht zum Brett vorm Kopf und zur Hürde, wie damals, auf der ersten Berlin Biennale 1998. Und ebenso wenig fordert John Bock uns auf, wie in der Temporären Kunsthalle am Berliner Schlossplatz 2010, seinen absurden „FischGrätenMelkstand“, ein gewaltiges Stadtbau-Labyrinth aus lauter Kunst von Künstlerkollegen, zu betreten. Und dennoch müssen wir abermals diese enorme unterhaltsame Verstörung aushalten.

Diesmal lockt er uns in ein barockes, derb-übersinnliches Spektakel, eine scheinfröhliche, aber ernsthafte Bizarrerie in der Berlinischen Galerie. Hier tobt sich John Bock aus, Biennale- und Documenta-geübter Aktionskünstler und Filmemacher, geboren 1965 in Schleswig-Holstein, ausgebildet an der Kunsthochschule Hamburg, Professor für Bildhauerei an der Karlsruher Kunstakademie, überzeugter Wahlberliner.

Bock, der sich mit Leidenschaft am liebsten selbst zum Gärtner der Kunst macht, also auch zum Selbstdarsteller – neben namhaften Akteuren aus der Schauspielzunft –, breitet sein bizarres und vertracktes Universum aus Installationen, Skulpturen und Filmen aus. Objekte, Requisiten und Kostüme, die zum Einsatz kommen, mutieren in seinem Kosmos zu unberechenbaren Wesen. Die wuchern und stülpen sich aus, verbinden sich als Seile, werden zu Tentakeln. Jede Station erzählt eine eigene Geschichte, zusammen ergibt das eine absurde Erzählung.

Dabei wird aber nichts angefasst, die Interaktion passiert mit Augen, Ohren, Geruchssinn. Und Fantasie. Komisch: Man fühlt sich „Im Moloch der Wesenspräsenz“ – wie ulk-philosophisch das klingt! – veräppelt, zugleich auch vertraut mit unserer verstörten, aus den Fugen geratenen, gleichsam dadaistischen Welt von Wohlstand und Seelennot, von Trump und Terror, von Überfluss, Überdruss und Krieg.

Alles ist grenzenlos Crossover, um es tautologisch auszudrücken, aber zugleich auch nicht fassbar oder einzuordnen. Und trotzdem macht sich die Gewissheit breit, dass, ob man will oder nicht, alles mit allem zusammenhängt. Gutes wie Schlechtes. Und um genau das auszudrücken – und dabei seinen eigenwilligen Skulpturenbegriff deutlich zu machen, gibt John Bock den leidenschaftlichen Bildhauer, den Texter, den Zeichner, den Filmer, den Trash-Verwurster. Und eben immer wieder auch den Selbstdarsteller. Dann, wenn er nicht in seinen thriller-artigen Filmen und Performances Schauspieler wie Lars Eidinger, Bibiana Beglau, Laurenz Leky oder Kris Limbach agieren lässt.

Genre- oder ästhetische Grenzen gibt es keine. Nichts an diesen „Skulpturen“ ist fertig ist, sondern immer nur Prozess. John Bocks Kunst ist anstrengend, sie schüttelt und wurstet einen durch.

Elf Installationen hat er in die zehn Meter hohe Halle der Berlinischen Galerie hineingebaut wie Jahrmarktbuden. Und in denen passieren Dinge, die zum Lachen reizen und gleichzeitig beklemmen. Etwa die „Triebkreatur“ in einer schmutzstarrenden Grillbude, in er es allerdings keine Würstchen gibt, nur Horror à la Frankenstein. Bock selbst ist der mittelalterliche Medicus, der Leben aus toter Materie schafft. Hinten hockt seine Schöpfung, das Monster, haarig, hässlich, bedauernswert. Fies, dabei aber auch sehr lebendig.

Zwei Schritte weiter liegt auf dem Boden Rabbi Löws Golem, als Skulptur ohne Kopf, der steckt in einem Kasten mit Projektor und in einem weißen Rundzelt ist auf dem Monitor dieser Kopf zu sehen. Dabei wird auch die Geschichte von Casanova erzählt, und weiter hinten zieht sich auf einem Monitor ein Typ mit blonder Perücke die eigenen Gedärme (aus Verhütlis und beschmiert mit Kunstblut) aus dem Leib. Der Film-Krimi spielt in einem alten Volvo. Und genau der steht als echtes Objekt daneben.

Im ganzen Saal dringen kakophonische Geräusche nach allen Seiten: Summen, Blasen, von Brillenbügeln verursachtes Klacken, sich drehende Topflappen mit Sonnenblumenmotiv lassen an die poetische Komik eines Buster Keaton denken. Und wie es riecht: nach Shampoo und nach Heu – der Duft kommt aus Plastiktonnen mit Ziehharmonikarohren.

Das Ganze gleicht einer orgiastisch durchgeknallten Guckkasten-Bühne, ist Freakshow wie Versuchs-Labor. Und alles und jedes, das Socken-Labyrinth, das bunte Puppentheater-Zelt, noch der letzte abgeschnittene Zopf, die Barockopern-Gestalten oder ein im Kasten sitzender Punk-Gitarrist, ist mit Bedeutungen aufgeladen: Metapher, Allegorie, Paraphrase, Persiflage. Und was sagt uns das? Das Böse ist immer und überall. Aber, wie tröstlich: das Gute auch.

 

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