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Johannes Grützke Shakespeare dröhnt mit Hanswurst über die Leinwand

Zum Tode des Menschenmalers Johannes Grützke, der im Alter von 79 Jahren gestorben ist.

Johannes Grützke
Johannes Grützke im März 2016 in einer eigenen Ausstellung in Potsdam. Foto: dpa

Malerei von Johannes Grützke, das war seit fast 60 Jahren das ganze Spektrum Shakespearescher Dramatik, mit seiner ganzen Fallhöhe bis zum Hanswurst-Theater, das über die Leinwand dröhnt. Der (Ur-)Berliner drehte das Banale so lange um seine eigene Achse, bis ihm das Mysterium des Lebens von der absurdesten Seite begegnete. Seine Bilder sind bizarr und überzeichnet – sie schneiden meist viel tiefer ins Auge als Fotografien.

Er malte stets fröhlich-bissig mitten in seiner Nährlösung: der Satire. 1973 entstand das extrovertierte Gleichnis zur deutschen Gesellschaft: „Unser Fortschritt ist unaufhörlich“. Wie immer bei diesem Berliner Maler, der am gestrigen Mittwoch nach langer unheilbarer Krankheit in Berlin gestorben ist. Der Krebs, dem er sich tapfer widersetzt hatte, schränkte in den letzten Jahren zwar sein Leben, seine Mobilität ein, konnte ihn jedoch nicht vom Weitermalen abhalten.

Bis Grützke, der lustvolle Ironiker, das Zeitliche segnete, war Realismus sein spöttisches, drastisches Programm. Mit den Malerfreunden Matthias Koeppel, Manfred Bluth und Karlheinz Ziegler (letztere sind schon im Berliner Künstlerhimmel und warten auf den Rest der Gruppe, um weiterhin malend zu provozieren), mischte Grützke damals den „guten Geschmack“ des Kunstpublikums im alten West-Berlin auf: mit der „Schule der Neuen Prächtigkeit“. Überdrüssig des Diktats der abstrakten Malerei, auch der Concept Art, machten diese vier Maler des Realen und Zugespitzten, des Menschen mit all seinen drastischen Körper-und Charaktermerkmalen, sich auch lustig über den Sozialistischen Realismus bei den Brüdern und Schwestern im Osten.

Das Wort „grützkistisch“ gibt’s in keinem Wörterbuch. Könnten wir den Maler noch fragen, würde er vielleicht sagen, die Kunst sei gesetzlos, denn es gehe um Freiheit: von Vorschriften. Tabus müssten gebrochen werden. Das gelte für jeden anständigen Künstler.

Johannes Grützke, zur Welt gekommen 1937 in Berlin, ausgebildet zum Maler und Bildhauer an der Kunsthochschule Charlottenburg (HdK, später UdK), aufgefallen auch als satirischer Dichter und Bühnenbildner von Peter Zadek, über Jahre Professor an der Kunstakademie Nürnberg, hatte 2012 von seiner Heimatstadt den Hannah-Höch-Preis bekommen, benannt nach der Berliner Dadaistin zur Zeit der Weimarer Republik. Schon während des Studiums hatte sich Grützke der Figur, den menschlichen Begierden, Albträumen, Schwächen und Abgründen zugewandt. Er betrieb diese Obsession in üppiger, extravaganter Bildhaftigkeit, malte gesellschaftliche Rollenspiele, Geschlechterkampf, Regression, fand Ausdruck für sexuelle Befreiung, Kollektivneurosen – und für das deutsche Teilungstrauma. Dies alles führte er auf großen Leinwänden vor in realistisch zugespitzter, gewöhnungsbedürftiger Ästhetik, schwer aushaltbar und höchst politisch.

Sowohl in der Inselstadt West-Berlin wie in der Zeit nach Mauerfall und Wiedervereinigung mit ihrem kreativen Chaos fand er das Klima für seine tabulose Kunst. In ihr hat er das Triviale solange hin- und hergewendet, bis ihm das Mysterium des Lebens von der absurdesten Seite begegnete: die Schranzen, Lokalheiligen, die kloß-teigigen Gesichter der guten Gesellschaft. Auf riesigen Leinwänden machte er aus vermeintlichen Helden in deren Apotheose tumbe Trottel, knautschte das Widerständige hinein in pappige Farbgebirge.

Grützke nahm sich selbst und sein Alter Ego, den mythologischen Prometheus, nie aus von diesem übertriebenen Realismus, maltechnisch perfekt, aber anders als der sozialismusgläubige Fleisches-Maler Willi Sitte (1921-2013) im deutschen Osten – nie ideologisch, sondern als ironisches Programm. Und so unverdrossen wie lustvoll warf Grützke Schlaglichter auf die Sittengeschichte, auf die liberale Gesellschaft. Und noch an seinem „75.“ ketzerte er gegen den launischen Kunstbetrieb: „Ich bin ein Klassiker. Stehe wie ein Denkmal auf dem Podest und warte nur auf den Avantgardisten, der mich hinunterwirft“.

Immer wieder finden sich Selbstporträts in den politischen wie kunstgeschichtlichen Parabeln und Paraphrasen, den beißend satirischen Historien-Allegorien, in denen der alte Menzel wie der alte Schadow wiederaufleben. „Ich male nur, um etwas über mich selbst zu erfahren. Indem ich mich spiegele, spiegelt sich die Welt in meinem Spiegel“, so lautete die Maxime dieses Malers aus der ironie-geladenen „Schule der Neuen Prächtigkeit“ , die seit den Siebzigern das Zerrbild von Wirtschaftswunder, Kaltem Krieg und der „Tyrannei der Abstraktion und des Rechten Winkels“ in der Kunst lieferte, egal, ob das im Trend lag oder nicht.

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