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Johann Joachim Winckelmann Wohin der größte Schmerz gelegt ist

Zum 250. Todestag von Johann Joachim Winckelmann. Der Kunsthistoriker vermittelte ein neues Schönheitsideals des Körpers.

Hermaphrodite
Der Hermaphrodit im römischen Palazzo Massimo all Terme mag schlafen, aber er weckt unbedingt Gefühle. Foto: Imago

Heute vor 250 Jahren starb Johann Joachim Winckelmann (geboren am 9. Dezember 1717 in Stendal). Schon falsch. Winckelmann starb nicht. Er wurde ermordet. Er befand sich auf der Rückreise von Wien, wo Kaiserin Maria Theresia (1717- 1780), ihn nicht nur empfangen und reich beschenkt, sondern ihm auch – so geht die Legende – eine Botschaft an den Papst mitgegeben hatte. 

Winckelmann war eine europäische Berühmtheit. Er hatte der Welt die Augen geöffnet für die Stilgeschichte der griechischen Kunst und ihre Einzigartigkeit, zugleich sie aber zur Nachahmung empfohlen. Das war so gesagt nichts Neues, aber wie er es sagte, so schwungvoll, so prägnant, so sarkastisch und empfindsam zugleich, dass er Zeitgenossen wie z. B. Herder und Goethe mitriss. 
Winckelmann selbst war hingerissen von den Bodybuilderfiguren der Laokoon-Gruppe, des Apoll vom Belvedere, aber auch von den die Vasen schmückenden Ephebengestalten. Der Sohn eines armen Schuhmachermeisters im preußischen Stendal ging dem erblindeten Rektor der Stendaler Lateinschule zur Hand. Über den erhielt er ein Schulstipendium. Später bekam er ein Stipendium für ein Theologiestudium, das er abbrach wie auch 1742 das Medizinstudium. Er verdiente seinen Unterhalt als Hauslehrer und später als Konrektor der Lateinschule im märkischen Seehausen. Fronjahre.

Er floh in die Bücher. 1748 wurde Winckelmann Bibliothekar bei Heinrich Graf von Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden. Dort entdeckte er die antike Kunst. Er verliebte sich in die schwellenden Marmorkörper. Man weiß nicht, wann er dahinterkam, dass er Männer und nicht Frauen liebte. Aber es war sein schwuler Blick, der Generationen prägte. Das war nicht auf die Liebhaber der Kunst des Altertums beschränkt, sondern erstreckte sich bis weit ins 20. Jahrhundert auf das europäische Verständnis von Schönheit.

Die Ermordung

Aber kommen wir noch einmal auf den heutigen Jahrestag seiner Ermordung zurück. Winckelmann hatte von Wien kommend in Triest Station gemacht. Im Hotel Locanda Grande. An dessen Stelle war schon im dritten Jahrhundert ein Hospitium Magnum gewesen, heute ist dort das Grand Hotel Duchi d’Aosta. Winckelmanns Zimmernachbar war der 31-jährige Francesco Arcangeli aus der Toskana. Winckelmann zeigte ihm die Gold- und Silbermünzen, die ihm Maria Theresia geschenkt hatte. 

Acangeli stach ihn nieder und raubte die Münzen. Winckelmann lebte aber noch sechs Stunden und konnte der Polizei den Tathergang schildern. Arcangeli, der bereits wegen Diebstahl vorbestraft war, wurde der Prozess gemacht. Am 20. Juli 1768 wurde er öffentlich hingerichtet. Durch rädern. Auch das gehört zur Epoche der Aufklärung. Beim Prozess, dessen Akten erhalten sind, spielte die Frage einer sexuellen Beziehung zwischen dem Ermordeten und Mörder keine Rolle. Ein Winckelmann-Biograph hält das schon darum für ganz unwahrscheinlich, denn Arcangeli sei durch Blattern verunstaltet gewesen.

Womit wir wieder beim Schönheitsideal des Stendaler Schustersohnes wären. Davor aber noch ein kurzer Nachtrag zur Biografie. In Dresden hatte Winckelmann den päpstlichen Nuntius am sächsischen Hof kennengelernt. Der stellte ihm, wenn er Katholik werden würde, attraktive Positionen in Rom, inmitten der von ihm so geliebten antiken Kunst, in Aussicht. 1755 zog Winckelmann um nach Rom. Er forschte unter höchster Protektion weiter, schrieb Bücher in deutsch, französisch und italienisch. Winckelmann hatte Preußen und Sachsen hinter sich gelassen. Er war eine europäische Größe geworden, der zu begegnen, kein Rombesucher von Rang sich entgehen ließ. Im Kirchenstaat lebte er – wohl nicht als einziger – offen seine Homosexualität. So wie man sie heute in Berlin oder New York leben kann, heißt es im Winckelmann-Katalog des Berliner Schwulenmuseums.

Jetzt doch zur Schönheit, wie Winckelmann sie sah. In seiner ersten Veröffentlichung, der „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst“, die 1755 in Dresden zunächst nur in einer Auflage von fünfzig Exemplaren erschien, dann aber mehrfach übersetzt wurde, schrieb Winckelmann: „Die Meisterstücke der griechischen Kunst zeigen uns eine Haut, die nicht angespannt, sondern sanft gezogen ist über ein gesundes Fleisch, welches dieselbe ohne schwülstige Ausdehnung füllet, und bei allen Beugungen der fleischigten Teile der Richtung derselben vereinigt folgt. Die Haut wirft niemals, wie an unsren Körpern, besondere und von dem Fleisch getrennte kleine Falten. Ebenso unterscheiden sich die neuren Werke von den griechischen durch eine Menge kleiner Eindrücke, und durch gar zu viele und gar zu sinnlich gemachte Grübchen.“

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