Lade Inhalte...

Joan Mitchell im Kunsthaus Bregenz Kraftstrotzend, ausladend, riskant

Diese Räume sind ihr gerade groß genug und Sofa-Formate interessierten sie nie: Die umwerfende Malerei von Joan Mitchell in einer großartigen Retrospektive im Kunsthaus Bregenz.

10.08.2015 16:23
Alexandra Wach
Joan Mitchell: Edrita Fried, 1981. Öl auf Leinwand. Foto: Nachlass Joan Mitchell, Sammlung der Joan Mitchell Foundation

Zu leinwandtauglichen Eruptionen seien Frauen nicht in der Lage. Davon ist Georg Baselitz, der Testosteron-Beauftragte der deutschen Malerei, immer noch überzeugt. 2013 gab er seine Schlachtfeld-Maltheorie im „Spiegel“ zu Protokoll. Und noch kürzlich wiederholte er im „Guardian“ das Mantra, Frauen könnten per Geschlecht nicht malen. Wer nicht in den Krieg zieht, sei nicht satisfaktionsfähig. Basta.

Folgt man seinen für Gegenbeispiele resistenten Ausführungen, muss es sich bei Joan Mitchell, Jahrgang 1925, um einen verkappten Mann gehandelt haben: die Gesten kraftstrotzend, die Formate angeberisch, der Lebensstil riskant. Damit kommt man weit. Längerfristig auch als Frau. Was ihre Präsenz in den wichtigsten Sammlungen der USA und Frankreichs beweist, vom New Yorker Metropolitan bis zum Pariser Centre Pompidou. Mitchells Werk war hierzulande 1959 auf der Documenta II zu sehen. Danach herrschte für Jahrzehnte Schweigen.

In den USA sieht es anders aus. Mit 11,9 Millionen US-Dollar hielt sie 2014 zeitweilig den Rekord für das teuerste Bild aus Frauenhand. Bei solchen Auktionssummen muss schließlich etwas dran sein an dieser Heldin der Nachkriegsmoderne. Dass sie es geworden ist, verdankt sich nicht nur ihrem Talent, sondern auch der Einsicht in die Spielregeln. Was blieb Mitchell auch unter lauter Mad Men der 50er-Jahre übrig, als trotzig in Angriff zu gehen und das starke Geschlecht auf dessen eigenem Terrain zu schlagen? Inklusive Trinkexzessen, Sex-Eskapaden mit oder ohne Trauschein und unfemininen Handgreiflichkeiten.

Und auch ohne den Vorsprung der Herkunft ging es nicht. Die Tochter aus großbürgerlicher Familie war finanziell abgesichert, hatte eine Mutter als Vorbild, die sich lieber um die von ihr geleitete Literaturzeitschrift kümmerte als um den Nachwuchs und einen Arzt als Vater, der sie stellvertretend für den ausgebliebenen Sohn zu Höchstleistungen anstachelte. Mit diesem Psycho-Gepäck ließ sich die Herausforderung meistern, an die Avantgarde der Zeit anzuschließen.

Nicht als malende Ehefrau von Pollock, de Kooning und Co., sondern ebenbürtige Solo-Kämpferin, versteht sich. Auf der sichtbarsten Bühne, die zu haben war: New York. Hier zog Mitchell nach einem Kunststudium in Chicago 1947 hin, bereiste einige Jahre Frankreich und Italien, war in Mexiko, um ihre kommunistische Ader auszuleben, und rechtzeitig zurück, um die neuesten Entwicklungen der Kunstszene mitzubekommen. Kunstkritiker wie Harold Rosenberg oder Clement Greenberg lieferten gerade in ihren Manifesten die Gebrauchsanweisung für das Rollenfach Action Painter. Ihnen schwebten extreme Selbstbezwinger vor, die ihre seelischen Abgründe auf der Leinwand verhandelten.

Im Kunsthaus Bregenz dokumentieren gleich im Parterre Fotos aus dem Archiv der Mitchell-Foundation diese von Disziplin geprägte Lebensphase. Glücklich sieht Mitchell auf ihnen nicht aus. Aber auch bewaffnet mit Büchern huscht kein Freudenstrahl über ihr ernstes Gesicht. Es scheint, als hätte sie schon früh begriffen, was ihr als Frau bevorsteht, wenn sie die Anerkennung bekommen will, die ihre Eltern beeindrucken könnte und auch ihrem eigenen Selbstbild entsprach. Immerhin beweisen mitunter noch nie gezeigte Dokumente, dass sie ans Ziel gekommen ist. Befreundete Kollegen wie Franz Kline, Merce Cunningham, Frank O’Hara, Pierre Bourdieu oder Samuel Beckett bezeugen ihr in Briefen Respekt.

Hier findet sich auch „Ladybug“ von 1957, das aus der Sammlung des MoMA kommt. Es entstand nach einem Konzert von Billie Holiday, in der Nacht, Mitchells bevorzugten Arbeitszeit. Ein wildes Durcheinander dünner und dicker Pinselstriche, das man mit einer exzessiv mit Schnitten malträtierten Eisfläche verwechseln könnte, wäre da nicht der Farbenrausch, der einen Strom von vorbeirasenden Beobachtungen in der Abstraktion bündelt.

Bereits 1951 nahm Mitchell an der Schau „Ninth Street Show“ teil, organisiert vom einflussreichen Galeristen Leo Castelli. Um sie herum gruppierten sich Werke von Willem de Kooning, Jackson Pollock, Lee Krasner oder Helen Frankenthaler. Man zählte sie trotzdem zur zweiten Generation des Abstrakten Expressionismus. Eine Kategorie, die unterstreicht, dass man der Jüngeren den Status einer innovativen Ideenlieferantin absprach.

Die wollte sie auch nicht um jeden Preis sein. 1958 zog sie nach Frankreich der Liebe wegen. Harmonisch war die zweite Ehe mit Tachismus-Vertreter Jean-Paul Riopelle keineswegs, trotz des Blicks auf Monets ehemaligen Garten in Vétheuil, den sich Mitchell mit einer Erbschaft gegönnt hatte. Aber turbulent genug, um ausreichend Energie für ihre zunehmend impressionistisch-lyrisch angehauchten Landschaftsmotive abzuwerfen.

Regennasses Blau dominiert

Die großartige, von Yilmaz Dziewior verantwortete Retrospektive, die nach der Station in Bregenz nach Köln ins Museum Ludwig gehen wird, ist nicht die erste Schau im deutschsprachigen Raum. Bereits 2009 widmete die Kunsthalle Emden der 1992 verstorbenen Künstlerin eine Ausstellung. In Bregenz trumpft man aber mit der weitläufigen Betonarchitektur von Peter Zumthor auf, die wie gemacht erscheint für die riesigen Leinwände. Mit Sofa-Größen gab sich Mitchell nie ab. Chronologisch gehängt, hellt sich beim Besteigen der Stockwerke die Farbpalette der knapp dreißig Arbeiten auf. Pink breitet sich etwa über „Grandes Carrières“ aus, als gehörte diese Farbe Anfang der 60er-Jahre zum natürlichen Stimmungsaufheller. Die Pigmente gehorchen stürmischen Schlenker-Bewegungen, die sich in plötzlichen Explosionen aus Klecksen und Flecken entladen. Mitchell dreht die Leinwände, damit die Farben runterfließen.

Je nach Wetterlage oder Jahreszeit dominiert regennasses Blau die Atmosphäre. Oder erdiges Braun, das wie ein Eindringling das florale Element verdrängt. Hin zur Sonne, die im zweiten Obergeschoss auf dem Quadriptychon „A small garden“ von 1980 mit reichlich Gelb das Kommando übernimmt. Auf dem Panorama „Edrita Fried“ spukt Van Gogh zwischen dem Gelb eines Kornfelds und wucherndem Himmelsblau umher. Ausgerechnet. Hinter dem Titel verbirgt sich der Name von Mitchells langjähriger Psychoanalytikerin.

Ganz oben fallen dann alle Hemmungen. Die Leinwände bleiben an den Rändern unbemalt. „Merci“ von 1992, dem Jahr, in dem sie starb, kommt mit blau-orangenem Stakkato aus. Begleitet vom versprengten Schwarz als böses Omen. Scheinbar beiläufig hingekritzelt wie in einem überdimensionalen Skizzenbuch. Zugleich läuft nichts wirklich aus dem Ruder. Ein kontrolliertes Chaos, dem man sogleich in allen Schattierungen verfällt.

Und das bei einer Biografie, die sich mit dem Alter verdüsterte. Alkohol, desolate Beziehungen, Abtreibungen und sich häufende Krankheiten hinterließen Spuren. Hin und wieder eine Wiederentdeckung. Eine feministische Vereinnahmung, die sie nur langweilte. Nur um danach die jahrelange Funkstille seitens des Kunstbetriebs umso schmerzhafter wirken zu lassen. Mitchells immer strahlender werdenden Kunst war das Drama dieses widerspenstigen Lebens nicht anzusehen. Sie führte ein Eigenleben. Und tut es immer noch.

Kunsthaus Bregenz, bis 25. Oktober. www.kunsthaus-bregenz.at

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum