Lade Inhalte...

Jean-Michel Basquiat Nachrichten vom Schmerz

In Jean-Michel Basquiat Bildern ist von der schönen Welt, in der er nach seinem Aufstieg herumgereicht wurde, nicht eine Spur. Der jähe Erfolg hat ihn, wenn er malte, nicht täuschen können. Von Peter Iden

Jean-Michel Basquiat in seinem Atelier (1985). Foto: L. Himmel/ProLitteris

Jetzt, da ihm in der Fondation Beyeler, nach einer ausführlichen Darstellung des Werks schon 1999 in Venedig, die Ehrung der ersten umfassenden Retrospektive in Europa zuteil wird, wäre Jean-Michel Basquiat ein Mann von fünfzig Jahren. Den gesellschaftlichen Auftrieb anlässlich der Eröffnung würde er wohl genossen haben wie er den plötzlichen Ruhm, der ihm in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vorgekommen sein muss wie ein unbegriffenes Wunder, durchaus genossen hat.

Das hat dem jungen Maler, damals gerade zwanzig, gefallen und er hat es durchlebt wie im Rausch: Dass er, der Sohn einer Puertoricanerin und eines Einwanderers aus Haiti, von der Straße in die ersten Kreise der Kunstszene New Yorks geraten, auf einmal ein reicher Mann wurde, seine Bilder begehrt von den potentesten Sammlern und Galeristen der USA und bald auch schon Europas, und dass sogar so ein Großer wie Andy Warhol seine Gesellschaft suchte und gemeinsam mit ihm eine Vielzahl von (allerdings überwiegend schwächlichen) Werken schuf.

Es war ein Aufstieg zu Glanz und Gloria, wie die Kunstwelt seit den Zeiten des jungen Picasso in Paris keinen mehr erlebt hatte. In Basquiats Bildern aber ist von der schönen Welt, in der er herumgereicht wurde, nicht eine Spur. Der jähe Erfolg hat ihn, wenn er malte, nicht wirklich täuschen können: Was er in seinen Bildern von der Welt, den Verhältnissen, seinem eigenen Leben nach wie vor nur mitzuteilen imstande war, sind Alpträume, Schrecken, Ängste, Qualen.

Es gibt in der Malerei Basquiats, auch wenn darin die Bruchstücke rätselhafter Sätze auftauchen, kaum einen ruhigen Moment. Keinen Augenblick der Sammlung - alles ist impulsiv herausgeschleudert, der Gestus ist der eines Zerfetzens, ein die Körper der wie von wilder Kinderhand hingekritzelten Figuren und der fratzenhaften Gesichter verzerrender Druck beherrscht die Bilder. Etwas Krudes, Rohes. Man kann das zunächst als beinah abstoßend empfinden - bis sich durchsetzt, dass einer hier Nachricht gibt von seinen Schmerzen, seinem Leiden an der Welt, die er nur als deformierte erleben konnte.

Und als immerzu vom Tod bedroht. Im Verlauf des Jahrzehnts, in dem das Werk entsteht, sind Veränderungen der Inhalte und des Ausdrucks, ist also eine Entwicklung nur erkennbar in dem immer bedrängender und direkter sich zur Geltung bringenden Todesmotiv. Schon um 1980 sind Totenköpfe allenthalben gegenwärtig, in einem der letzten Bilder, "Eroica II" von 1988, wird dann auf der Leinwand ein finales Alphabet durchbuchstabiert, unter B: "Bang: Injection of narcotics". Es war das Jahr, in dem Basquiat an einer Überdosis verschiedener Rauschgifte zugrunde ging. Dem Druck des Erfolgs hatte er nicht standhalten können.

Dieser Erfolg war auch das Ergebnis abenteuerlicher Machenschaften von Protagonisten des Kunstmarkts. Eine der reichen Schönen der New Yorker Szene, Anina Nosei, protegiert vom mächtigen Leo Castelli, hatte sich des von Keith Haring entdeckten Graffiti-Malers angenommen. Es war damals in SoHo kein Geheimnis, dass sie den armen Jungen aus Brooklyn, der früh abhängig war von Drogen, zeitweise vor der Öffentlichkeit weggeschlossen und zum Malen förmlich gezwungen hatte.

Die Produktion wurde dann nur sehr dosiert auf den Markt gebracht, und zwar gleich zu horrenden Preisen, um ein bestimmtes Sammlerpublikum zu reizen. Schon bald gab es bei Nosei Wartelisten für Bilder des als Person fast unbekannten Künstlers, die Arbeiten wurden ungesehen gekauft. Kein anderer Maler ist im 20. Jahrhundert vom Handel so entschieden "gemacht" worden wie Basquiat.

Das war für Basquiat, bei aller Lust, die er - es war die andere Seite seines widersprüchlichen Charakters - an der Rolle als Star empfand, letztlich nicht zu leben. Es lässt sich jetzt in der Fondation Beyeler gut erkennen, wie aus dem Druck der Machenschaften des Handels auch künstlerische Schwächen des Oeuvres resultieren: die Insistenz auf immer den gleichen Gestus; das forciert Aufgeregte; die Schematisierung der Figuren; das Defizit an Tiefe und der auffällige Mangel an Verwandlung innerhalb des Werks insgesamt.

Basquiat war den Usancen und Miseren einer kapitalistischen Gesellschaft gegenüber von Anfang an haltlos, ohne theoretischen Hintergrund. Er sah die Zurücksetzung der Schwarzen - und machte sie in seinen Bildern zu Königen. Er beobachtete die Profitgier als Grundgesetz - und malte mit unveränderlich wütendem Furor wirr dagegen an.

Im Basler Kunstmuseum zeigt sich derzeit am Beispiel der Biographie und der Arbeiten eines etwa gleichaltrigen Künstlers, des Mexikaners Gabriel Orozco, geboren 1962, ein ganz anderer Weg: Orozco stammt aus dem Umkreis der ideologisch gefestigten, kommunistisch orientierten "Muralisten" Mexicos, sein Großvater wurde, wie Siquieros und Diego Rivera, mit seiner kritisch engagierten Wandmalerei eine Berühmtheit.

Der Enkel hatte früh den Halt, der Basquiat fehlte. Es war aber gerade diese ideologische Bindung, die den jungen Orozco offenbar befähigte, sich später in seiner künstlerischen Arbeit weit zu öffnen für immer neue, durchaus auch gegensätzliche, experimentelle Ansätze.

Das macht den Gang durch die Ausstellung in Basel, die aberwitzige Installationen mit Fotomontagen, Zeichnungen und Tafelbildern verbindet, zu einem ästhetischen Abenteuer von besonderem Reiz. Das Angebot reicht von einem Citroën DS, Baujahr 1960, den Orozco der Länge nach in drei Teile zerschnitten und dann das mittlere Drittel entfernt hat (wodurch die Erwartung an das Bild des Wagens gestört wird und ein ganz neues Fahrzeug entsteht) bis zu seltsamen Flugkörpern aus Polyurethanschaum und den Sammlungen von alltäglichen Objekten, die Orozco als Anregungen für sein bildnerisches Denken auf sogenannten "Working Tables" ausgebreitet hat.

Es gibt auch in dieser Ausstellung als Skulptur einen Totenschädel, "Black Kites". Orozco überzieht ihn mit dem Muster eines Schachbretts, dessen Struktur zu Rauten verzerrt wird durch die Unebenheiten des Kopfes: ein eher spielerischer Umgang mit dem Todessymbol. Große Vielfalt also, bei weitem nicht alles gelungen, aber immer doch intelligent und von einigem Witz. Nach den rasenden Schmerzbildern Basquiats in Riehen lohnt sich der Abstecher ins nahe Basler Kunstmuseum allemal.

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel: Basquiat bis 5. September 2010.www.fondationbeyeler.ch

Kunstmuseum Basel: Orozco bis 8. August 2010. www.kunstmuseumbasel.ch

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen