Lade Inhalte...

James Bridle In der Überwachung liegt die Kunst

Computerfreak, Essayist, Künstler: James Bridle ist als ein Künstler bekannt geworden, der sich mit der Überwachung und zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens auseinandersetzt.

Bridle malte den Umriss einer Überwachungsdrohne auf Gehsteige in Istanbul und Washington, hier in London. Foto: James Bridle

James Bridles Leben verändert sich gerade auf drastische Weise. Seine Vermieterin hat dem 34jährigen Engländer nach zehn Jahren gekündigt, das geräumige Haus mitten im hippen Nord-Londoner Stadtteil Stoke Newington soll verkauft werden. Bridle hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt, etwas Neues auszuprobieren: Er will bis auf weiteres ein Nomadenleben führen, ein bisschen in Maastricht sein, wo seine Freundin derzeit lebt, sich danach Richtung Berlin aufmachen, für einen Künstleraufenthalt. Der Anschluss wird sich finden. Sein wichtigstes Arbeitsmittel ist ohnehin der Laptop, viel mehr braucht er nicht.
Vielleicht gar nicht zufällig, dass sein jüngstes Projekt Citizen Ex den „algorithmischen Bürger“ behandelt. Mittels eines Browser-Addons lässt sich die Mischidentität eines Internet-Nutzers feststellen, oft hat sie mit dem guten alten Pass wenig zu tun. Dass man das Identitätspapier auf dem europäischen Kontinent kaum noch braucht, begeistert den Briten: „Schengen ist eine unglaublich gute Idee!“

Bridle ist als ein Künstler bekannt geworden, der sich mit der Überwachung und zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens auseinandersetzt. Eines Tages ging er von seiner Wohnung aus zur nächsten Bahnstation in Dalston, registrierte und fotografierte jede sichtbare Kamera auf seinem Weg. Mit dem gleichen Konzept umrundete er die Citymaut-Zone, deren Zufahrten von rund 700 Kameras kontrolliert werden. Zuletzt ging „Dronstagram“ um die Welt, ein Wortspiel mit dem Netzwerk Instagram, auf dem er viele seiner Fotos veröffentlicht. Weil er selbst sich eine konkrete Vorstellung von der Größe dieser unbemannten Flugkörper machen wollte, malte Bridle den Umriss einer Überwachungsdrohne auf Gehsteige in London, Istanbul und Washington. Die Aktion fand weltweit Nachahmer.

Lückenloseste Beobachtung weltweit

Abstrakt wissen die Briten, dass sie so lückenloser Beobachtung unterliegen wie in kaum einem anderen Land weltweit. Verkehrsbehörden, Polizei, Banken und Einzelhändler, allesamt richten automatische Kameras auf die Bürger. Schätzungen sprechen von zwei bis vier Millionen, genaue Zahlen gibt es nicht. Jeder Besucher britischer Innenstädte wird dutzendfach registriert, London dürfte mit durchschnittlich 300 Kameraeinstellungen pro Passant den Rekord halten.

Anders als beispielsweise in Deutschland haben die Enthüllungen des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden keine weitreichende Diskussion über die umfassenden Abhörmethoden der Lauschzentrale GCHQ, von MI5 und MI6 hervorgerufen. Der Datenschutz hat auf der Insel einen schweren Stand. Bridles Versuch, das Thema konkret zu machen, sorgte immerhin für Aufsehen, jedenfalls bei jenen, die das Projekt im Internet verfolgten oder ihn darüber sprechen hörten. Bridle spricht mit seltener Klarheit über seine Anliegen, und wie er spricht, so schreibt er auch – luzide, konkret, engagiert.

Das tut er am Computer, denn der Rechner bestimmt sein Leben, in verschiedener Hinsicht. Bridle gehört zur ersten Generation, für die das Internet selbstverständlich dazugehört, wie die erste Kontaktaufnahme beweist. Er beantwortet sie mit einem freundlichen „Nice to meet you“ und stürzt mich damit in Verlegenheit: Wieso, waren wir uns schon einmal begegnet?

Die vorsichtige Rückfrage bringt ein Missverständnis zu Tage: „Ach, Sie wollen ein persönliches Treffen?“ Bridle ist das, wie er später erläutert, nicht gewohnt, die meisten Neugierigen treten nur per Internet oder Telefon mit ihm in Kontakt. Er selbst macht keinen Unterschied zwischen einem „Treffen“ mittels Email oder in Person.

Als 13-Jähriger ging er erstmals Online, die Eltern hatten ihm ein Modem gekauft, „aber sonst verstanden sie nichts davon“. Seine stärksten Fächer in der Schule, Englisch und Mathematik, bestimmen sein Leben bis heute. Bridle entschied sich für ein vierjähriges Studium der Computerwissenschaft mit Schwerpunkt Linguistik am renommierten UCL in seiner Heimatstadt. „Danach hatte ich von Computern die Nase voll und arbeitete bei einem Literaturverlag“, erinnert er sich beim leichten Lunch (Kichererbsen-Burger, ein Glas Leitungswasser) in der Nähe seiner Wohnung.

Aber seine Technik-Affinität ließ ihn nicht los. Die Verlagsleute machten sich seine Kenntnisse zueigen, später wagte Bridle den Schritt in die Selbstständigkeit, an der Bruchstelle zwischen Computer, Literatur, Journalismus und Philosophie. Von Aktionen keine Rede – bis er einen Vortrag zu halten hatte. Anhand des Wikipedia-Artikels über den Irak-Krieg, wollte Bridle die ungeheuren Möglichkeiten des Internets demonstrieren. Das tat er mit Worten und einer Konkretion: Er druckte den Artikel mit allen Korrekturen, Ergänzungen und Änderungen aus und ließ davon gebundene Bücher herstellen, zwölf an der Zahl. Nach dem Vortrag wurde Bridle angesprochen: Ob er nicht seine Wikipedia-Bücher ausstellen wolle? Plötzlich war Bridle nicht nur Programmierer, Vortragsredner und Schreib-Aktivisten sondern ein Künstler, sozusagen durch die Hintertür.

Sein Ehrgeiz zielte nie darauf ab, in Galerien vertreten zu sein. Seine Kunst, sein Engagement, sein Aufklärertum sind im besten Sinne öffentlich und laden zur Diskussion ein. Es falle ihm schwer, ausgestellte Objekte einfach wirken zu lassen, erzählt Bridle mit entwaffnender Offenheit: „Ich will mich immer noch danebenstellen und sie laut anpreisen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum