Lade Inhalte...

„Intuition“ Wissen vor dem Wissen

Venedig lockt mit der Kunst-Biennale. Lohnend ist aber insbesondere ein Besuch im Palazzo Fortuny. Die Ausstellung „Intuition“ ist ein Glücksfall.

„Untitled“
Eine Setzung aus diesem Jahr: Bruna Espositos „Untitled“. Foto: courtesy artista e federico luger (f.L. gallery)

Zu erzählen ist von einer Ausstellung, die alles weit, weit hinter sich lässt, was Frühjahr und Sommer an schmählichem Scheitern sinnlos aufgeblähter Präsentationen wie zumal der öde-belanglosen Kasseler documenta 14, aber auch der kaum lohnenderen venezianischen Biennale dem heimischen wie dem internationalen Publikum dargetan haben. Ein alter Palazzo, benannt nach seinem einstigen Besitzer Mariano Fortuny, gelegen nahe dem Canal Grande in Venedig, ist Schauplatz des Ereignisses, das gerade in diesem Moment allgemeiner, berechtigter Skepsis gegenüber der aktuellen Kunstbetriebs-Szene mit insistierender Bestimmtheit den Anspruch der Kunst als Medium der sinnlichen (und sinnhaften) Vermittlung von menschlichen Dispositionen und Grunderfahrungen behauptet.

Die Spanne der hier zum Thema „Intuition“ zusammengeführten Werke reicht zeitlich von Skulpturen aus dem dritten Millennium bis zu mit Bedacht ausgewählten Arbeiten von Künstlern der zweiten Hälfte des vergangenen und der ersten Jahre des 21. Jahrhunderts, darunter dem aus diesem Jahr stammenden Werk Bruna Espositos, „Untitled“. Der zugehörige Katalog, 400 großformatige Seiten stark und konzipiert mit so kaum mehr gewohnter Sorgfalt hinsichtlich der Texte, die das exzellente Bildmaterial interpretieren, gleicht fast einem Kommentarband zur Weltkunst. Leicht vorstellbar, einen lustvollen Sommer mit der Lektüre zu verbringen.

Lustvoller natürlich, so viele Stunden als möglich die drei Stockwerke in dem geräumigen Palazzo zu durchwandern. „Intuition“ also. Die Idee, einen Grundimpuls allen produktiven menschlichen Wirkens zu reflektieren am Beispiel von Kunstwerken, für deren Entstehen das Prinzip der Eingebung fraglos von besonderer Bedeutung ist, kam von Axel Vervoordt, verwirklicht hat er sie gemeinsam mit Daniela Ferretti, der Direktorin des Fortuny. Der Belgier Vervoordt ist kein Unbekannter. Als geniale Komposition von Bildwerken wurde schon seine Ausstellung zum Begriff „Proportion“ wahrgenommen, vor zwei Jahren am gleichen Ort. Der Kunstsammler und Galerist hat sich zwischen Los Angeles und Paris auch Renommee erworben als Designer und Innenausstatter exklusiver Räumlichkeiten. Im kommenden Frühjahr wird er in der Nähe von Antwerpen auf dem Terrain einer ehemaligen Brauerei ein eigenes Institut eröffnen.

Begegnungen von sehr besonderer Art

Die Thematisierung von Intuition im Zusammenhang mit künstlerischen Prozessen ist Teil der grundsätzlichen Erkundung des schöpferischen, kreativen Antriebs generell. Es war schon früh (und bis in sein hohes Alter) eine Frage Leonardos, was es auf sich habe mit der Energie, die ihn bewege, wenn er ein Werk angehe, woher der Anstoß dazu rühre und woraus er sich bilde. Mit steinernen Kleinskulpturen männlicher und weiblicher Figuren von wundersamer Schönheit der fast graphisch-zarten, zur Abstraktion tendierenden Umsetzung aus dem 3. Jahrtausend, aufgefunden in Südfrankreich und Italien, macht Vervoordts Ausstellung gleich zu Anfang klar, dass Leonardos Fragestellung so alt ist wie das Alter der Welt. Die frühesten Antworten der minimalistischen Skulpturen scheinen hinzuweisen auf die Suche nach Verbindungen zwischen der sichtbaren Welt und dem, was jenseits davon unsichtbar Menschen gleichwohl in ihrer realen Existenz bedrängen oder beglücken kann.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum