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Installation Wer nur glaubt, was er sieht, ist blind

Gerhard Richter ließ in einer entweihten Kirche in Münster ein Foucault’sches Pendel installieren und inszeniert ein Geistergespräch zwischen Kunst und Glauben.

Gerhard Richte
Gerhard Richter vor seinem Werk "Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel" in Münster. Foto: dpa

Am 3. Januar 1851 trug sich im Keller des französischen Physikers Léon Foucault Nie-Gesehenes zu. Er ließ eine von der Decke hängende Kugel dicht über den Fußboden pendeln und beobachtete, wie diese im Lauf des Tages ihre Richtung zu ändern schien. Da aber das Pendel stur in seiner Bahn blieb, konnte dies nur bedeuten, dass sich der Boden unter ihm bewegte – in seinem Keller sah Foucault dabei zu, wie sich die Erde um die eigene Achse dreht.

Seit diesem Versuch hat das Foucault’sche Pendel eine erstaunliche Karriere erlebt, wenn auch nicht als schlüssiger Beweis für die Erdrotation, denn dieser wurde schon Jahrhunderte zuvor geführt. Stattdessen ließ sich mit dem Pendel etwas veranschaulichen, was man schon über die Natur wusste, ohne es ihr ansehen zu können. Genau deswegen gehört es heute zur Grundausstattung von Wissenschaftsmuseen und Universitäten, und bereits ein Jahr nach Foucaults Premiere versuchte der Naturforscher Caspar Garthe das Experiment im Kölner Dom zu wiederholen. Er scheiterte an einer ungenauen Versuchsanordnung, aber wer will, kann in diesem Fehlschlag auch ein symbolisches letztes Aufbegehren der katholischen Kirche gegen die kopernikanische Wende unseres Weltbilds sehen.

Vielleicht liebäugelte auch der Kölner Künstler Gerhard Richter mit dieser Pointe, als er sein Werk „Zwei Graue Doppelspiegel für ein Pendel“ für die entweihte Dominikanerkirche in Münster konzipierte. Im Zentrum der Arbeit steht eine Nachbildung des Foucault’schen Pendels, mit dem die Wissenschaft, so Richter, nun an Ort und Stelle einen „kleinen Triumph über die Kirche“ feiere – gegen die Einsicht, dass sich die Erde um die eigene Achse und vor allem um die Sonne dreht (statt umgekehrt), hatte sich das katholische Rom im Mittelalter teilweise noch vehement gewehrt.

Allerdings gibt es auch eine tiefere Botschaft des Pendels in der Münsteraner Kirche: Genau wie der Glaube bedarf auch die Wissenschaft mitunter der Anschauung, um ihre Lehre unters Volk zu bringen – in dieser Hinsicht ist im Foucault’schen Versuchsaufbau bereits der Keim eines Kunstwerks angelegt, der sich von den biblischen Motiven der Kirchenfenster nicht grundlegend unterscheidet. In beiden Fällen geht es darum, etwas eigentlich Unsichtbares sichtbar zu machen; ohne vermittelnde Instanz lässt sich die Erdrotation so wenig erkennen wie die Güte des christlichen Schöpfergotts.

Seine eigene Version des Foucault’schen Pendels hat Gerhard Richter um vier dunkelgrau eingefärbte Glasscheiben ergänzt. Sie hängen zu zwei Paaren geordnet einander an den Kirchenwänden gegenüber und spiegeln sowohl Pendel als auch Publikum. Allerdings spiegeln die Scheiben nicht nur das Geschehen, sie schlucken auch einen großen Teil des Lichts und verdunkeln so die Dinge, die sie zugleich erhellen. Auf diese Weise verdoppelt Richter die im Pendel stets mitschwingende Frage nach den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung – die getönten Scheiben sind gleichermaßen Spiegel und Zerrspiegel der Welt.

In Münster widmet sich Richter erneut der Kirchenkunst, nachdem er deren Tradition im Kölner Dom mit einem aus 11 500 Glasquadraten gebildeten Fenster bereits einmal fortschrieb – auch damals ging es um die Frage, wie man Unsichtbares zeigen kann. Während die Kunst über Jahrhunderte vornehmlich auf die Hilfe realistischer Darstellungen zurückgriff, um die göttliche Offenbarung darzustellen, knüpfte Richter an die ornamentalen Fensterrosen der Gotik an, in denen allein Licht und Strahlenkranzsymbolik für die Liebe Gottes stehen. Im Gegensatz zur durchgeplanten Ornamentik des Mittelalters, ordnete Richter seine Farbwürfel weitgehend nach dem Zufallsprinzip und griff lediglich dort korrigierend ein, wo sich die Umrisse konkreter Gegenstände abzubilden schienen.

Gerhard Richters künstlerische Strategie, dem kirchlichen Erbe zu folgen und dieses gleichzeitig zu „widerlegen“, geht auch in der entweihten Dominikanerkirche auf. In diesem Fall ruft Richter allerdings nicht den Zufall, sondern dessen Gegenteil, die Wissenschaft, als Verbündeten gegen die Übermacht der katholische Tradition herbei. Es ist eine Macht, die sich nicht zuletzt aus der Gewissheit speist, dass man den Gottesglauben nicht durch Tatsachen entkräften kann. Gleichzeitig scheint in Münster so etwas wie der Glaubensrest in den modernen Wissenschaften auf. Man kann das Foucault’sche Pendel auch so deuten: Menschen, die nur glauben, was sie sehen, sind blind.

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