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Haus der Kulturen der Welt Wasser aus Indien für alle

Die feine Ausstellung „Neolithische Kindheit“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Paul Klee, ?Der Zusammenbruch der biblischen Schlange?, 1940. Foto: ABMT, Uni Basel, 2005

Es gibt Leute, die interessieren sich für das, das sie nicht verstehen. Die fliegen ganz von selbst auf Titel wie „neolithische Kindheit“. Für die anderen sei gesagt, die großartige, auf keinen Fall zu versäumende Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt hat ihren Titel von dem gleichlautenden Aufsatz Carl Einsteins (1885-1940) aus dem Jahre 1930. Er schilderte zum Beispiel die Holz- und Kordelreliefs Hans Arps als einen Rückgriff auf die früheste Kunst der Menschheit und auf die ersten künstlerischen Bemühungen von Kindern.

Die Ausstellung ist der Versuch, die Krisenjahre um 1930 mit den Augen Carl Einsteins zu sehen. Die Ausstellung breitet 800 Objekte aus. Die meisten von ihnen befinden sich in Vitrinen und wollen studiert werden. Das ist keine Ausstellung, durch die man schnell durchgeht und man schwärmt über dieses oder jenes Gemälde. Oh doch, das ist sie auch. Wer immer noch Paul Klee für einen fröhlich-harmlosen Maler für Backfischschwärmereien hält, den wird die Ausstellung kurieren. Er werfe einen Blick auf Klees Zeichnung zur „Barbaren-Venus“ und ihm wird ein Licht aufgehen über Klees Faszination fürs Sexuelle.

Die Kunstabteilung der Ausstellung zeigt u.a. Werke von Willi Baumeister, Georges Braque, Max Ernst, Hannah Höch, André Masson, Toyen, Paule Vézelay, Wols und Catherine Yarrow. Das allein wäre schon eine Ausstellung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Auch weil viele der bekannten Namen wieder in den Zusammenhang gestellt werden, in dem sie damals arbeiteten.

Aber wer kommt aus dem ersten Saal, in dem fast ausschließlich Bückware in Vitrinen liegt, schon nach einer Stunde heraus? Ich blieb zum Beispiel hängen an den ersten Sätzen einer sehr ausführlichen Übersicht, in der Carl Einstein in den 30er Jahren sein Projekt eines fünfbändigen Handbuchs der Kunst vorstellte. Band fünf sollte auf 300 Seiten eine Geschichte der Kunst bieten. Die restlichen vier Bände nannte er „Atlas“, „Chronologie“, „Reproduktionen“, „Die Quellen und ihre Erklärung“. Band I („Atlas“) kündigt er so an: „Die Vorstellungen von der Welt in Bild, Karte und Symbol (vom sumerischen Weltberg bis zur Spektralfotografie Galaxien)“.

Carl Einstein sah auf die Weltgeschichte aus seiner Gegenwart. Das tun alle Historiker, aber Einstein war gewissermaßen allgegenwärtig. Man hatte schon früher vermutet, dass es sich bei dem Andromedanebel um eine Galaxie („Milchstraße“) handelte, also eine Zusammenballung sehr, sehr vieler Sonnen. Arthur Stanley Eddington hatte das schon 1914 vermutet. 1917 wurden dann endlich einzelne Sterne in dem angeblichen Nebel entdeckt. Es war Edwin Hubble, der nachwies, dass der Andromedanebel eine eigene, weit entfernte Galaxie war.

Der erste Verdacht war den Astronomen gekommen, als sie das Licht des „Nebels“ Spektralanalysen unterwarfen. Carl Einsteins Atlas sollte die Geschichte der Weltbilder von Sumer bis Hubble umfassen. Wie hätte er sich gefreut über die Himmelsscheibe von Nebra!

Wichtiger aber ist, dass man, wenn Carl Einstein die neuesten physikalischen Entwicklungen rezipierte, man sich auf den Teil des Nachlasses stürzen sollte, der sich mit dem Thema „Chronologie“ beschäftigt. Die Zeit selbst war ja gerade nicht nur umdefiniert worden, sondern mit der Erkenntnis, dass der Andromedanebel keine Erscheinung in unserer Milchstraße, sondern eine andere Milchstraße war, war ja nicht nur der Raum explodiert, sondern die Zeit gleich mit. Vielleicht waren es auch diese Probleme, die Carl Einstein die Arbeit an seinem großen, allumfassenden Werk, eher bescheiden „Handbuch der Kunst“ betitelt, so schwer machten.

Seine Einsicht, dass die Entwicklung der Kunst, der Gesellschaft auch wieder zurückgehen, ja auf längst überholt geltende Praktiken des Neolithikums oder der Kinderzeichnung zurückgreifen kann, machte die Kunstgeschichte zwar interessanter, aber sie stellte sie genau dadurch natürlich auch in Frage. Wenn, wie Einstein in seinem Buch über Georges Braque notierte, „in der Kunst das Kunstwerk die Ausnahme, das Rarste“ ist, dann schließt einem die Kunst das Kunstwerk gerade nicht auf. Man hat die abstrakte Kunst, so denkt Einstein, nicht begriffen, wenn man nicht erkannt hat: „Der Mensch erträgt seine Spiegelung nicht mehr“. Das liegt nach Einstein nicht so sehr daran, dass er sich jetzt so oft und so perfekt spiegeln kann wie noch nie in der Geschichte der Menschheit, sondern das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt hat sich dahingehend verändert, dass der Mensch, der sich stets als Subjekt sah, sich erkennen muss als Funktion der Objekte, die damit nicht aufhören, welche zu sein. Es gibt keine Subjekte und keine Objekte mehr, sondern nur noch die Subjekt-Objekt-Funktion.

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