Lade Inhalte...

Hamburg und Würzburg Glanz der Dauer und Triumph des Augenblicks

Von der Kunst des Erzählens: Bilder aus drei Jahrhunderten venezianischer Malerei in der Hamburger Kunsthalle und in der Würzburger Residenz.

Antonio Bellucci (1654 - 1726): „Amor und Psyche“ in der Würzburger Ausstellung. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Gleich zweimal sind derzeit, in Museen in Hamburg und in Würzburg, Bilder aus den Glanzzeiten der venezianischen Malerei zwischen der Hochrenaissance zur Mitte des 16. Jahrhunderts bis zu den Ausläufern im Rokoko des 18. Jahrhunderts zusammengeführt. In der Hamburger Kunsthalle paradieren Meisterwerke Tizians wie das „Bildnis eines jungen Mannes“ (von 1510) aus dem Frankfurter Städel, „Die ruhende Venus“ (ca. 1518) von Palma il Vecchio aus Dresden, ein Frauenporträt des jungen Lorenzo Lotto (1505) aus Dijon.

Solche Prominenz bildet hier das Umfeld für eine mit vielen internationalen Leihgaben ausgreifend angelegte Darstellung von Werken des Paris Bordone, geboren 1500 in Treviso nur ein Jahrzehnt nach Tizian, dessen Schüler und später auch Rivale er wurde. Sein „Venezianisches Liebespaar“ aus der Brera in Mailand führt beispielhaft vor Augen, was sich erkennen lässt als ein zögerndes, fragendes, zweifelndes Verhalten der Personen Bordones, oft gerade in Situationen, die Entschiedenheit nahelegen. Das en-face-Bildnis einer jungen Frau und eines sie umfassenden jungen Mannes bezeugt eine Zuwendung, die jedoch im Spiel der Augen nicht frei ist von Skepsis gegenüber dem schönen Gefühl: Wie gewiss sind die beiden ihrer selbst und wie sicher sind sie einander? Im dunklen Grund hinter ihnen zeigt sich das verschattete Gesicht eines Mannes – Zeichen einer Bedrohung des Glücks im Vordergrund?

Neben den reicheren Stimmungswerten der Farben in der venezianischen Malerei, die sie unterscheiden von der kühleren Farbgebung der florentinischen Kunst, ist für Venedig ein erzählerisches Element bestimmend. In Würzburg ist jetzt eine ganze Reihe von Belegen zu sehen für die narrativen Tendenzen, den Hang zum anekdotischen Detail als Bildmotiv in der Spätphase der großen historischen Epochen der künstlerischen Entwicklungen in Venedig.

Die Ausstellung von Bildern venezianischer Maler vor allem des 18. Jahrhunderts ist unter dem schlichten Titel „Willkommen in Venedig“ in dem renovierten Nordflügel der Würzburger Residenz des Baumeisters Balthasar Neumann, Weltkulturerbe schon seit 1981, im vorigen Dezember eröffnet worden. Die Werke stammen zur Mehrheit aus den Depots der von München aus geführten Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die damit nach längeren – wie zu sehen: höchst erfolgreichen – Restaurierungen mehrerer Säle der Residenz nun eine schon früher existente fränkische Dependance der Münchner Pinakotheken neu bespielen.

Die Auswahl beginnt mit einer eher spannungslosen Schilderung der in der Geschichte der Malerei (Altdorfer, Rembrandt) oft aufgegriffenen biblischen Szene der „Susanna und den beiden Alten“ (um 1580) von Leander Bassano, dem dritten Sohn des bekannteren Jacopo Bassano, der das Motiv schon früher umgesetzt hatte. Vom jüngeren Bassano ist auch das Porträt eines Kaufmanns, der seine Korrespondenz studiert, zu seiner Linken eine Sanduhr, zum Zeichen der begrenzten Zeit aller Geschäftigkeit. Aus den heroischen Jahren venezianischer Kunst stammen die 14 Porträts, die Paolo Veronese von osmanischen Sultanen verfertigt hat, auch sie erzählerische Zeugnisse für die Weltläufigkeit der Stadt an der Lagune und ihre Bedeutung als Handelsplatz.

Man ist dann schon bald bei den Erzählern des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunders. Der in Udine geborene Luca Calarlevarijs beschreibt 1772 den Empfang eines Gesandten aus Venedig in London, wo der Maler selbst nie war, als einen aufwendigen Anlass, mit Hunderten von Zuschauern, die an der Landung prächtiger Boote teilhaben – ein Auftrieb, der zu Zeiten des Malers schon mehr historische Erinnerung an vergangenen Glanz als noch gegebene Wirklichkeit ist.

Der einstigen Realität näher ist das Wimmelbild von Joseph Heintz dem Jüngeren, einem Augsburger, der er es vorzog, in Venedig ansässig zu werden. Er dokumentiert die Tradition einer Massenschlägerei auf der Ponte dei Pugni, die jährlich einmal als Wettkampf fliegender Fäuste veranstaltet wurde, mit dem Ergebnis vieler Abstürze von Schlägen getroffener Kämpfer in das Wasser des Kanals.

Kulturhistorisch ist das interessant, bedeutende Malerei ist es nicht. Wie denn später auch Amigoni, Piazzetta und sogar der sie allerdings übertreffende Giovanni Battista Pittoni nur besonders entschiedenen und geduldigen Liebhabern des Rokoko zu empfehlen sind.

Ganz anders steht es indes um Giovanni Battista Tiepolo und seinen Sohn Domenico, Maler auch er. Vater und Sohn kamen 1752 nach Würzburg, Battista übernahm, veranlasst von dem Fürstbischof Carl Phillipp von Greifenclau, die Aufgabe, das von Balthasar Neumann entworfene Treppenhaus der Residenz – mit der in die Prunksäle im Obergeschoss führenden, doppelläufigen Treppe von weltweit unvergleichlich souveräner Eleganz – zu überfangen mit einem Fresko von immensem, so nie zuvor realisiertem Ausmaß, das die vier damals bekannten Kontinente Asien, Afrika, Amerika und Europa durch Konstellationen allegorischer Figuren repräsentiert. Bei den Arbeiten half ihm der Sohn, in einem Winkel des Deckengemäldes ist er hinter dem Vater zugegen.

Vor allem Giovanni Battista fand in Würzburg aber auch Zeit für die Verwirklichung einzelner Bilder. In der Schlosskirche erweist sich an einem „Höllensturz“ und einer „Himmelfahrt“ sein Talent zur dramatischen Bewegung. Zwei inhaltlich verbundene Gemälde aus dem Eigenbestand der Bayerischen Schlösserverwaltung hat Andreas Schumacher, der Münchner Kurator der Ausstellung in der Residenz, als deren finales Divertimento inszeniert. Es geht dabei um eine Episode aus dem „Befreiten Jerusalem“ („La Gerusalemme Liberata“) des italienischen Dichters Torquato Tasso (1544–1595): Der christliche Ritter Rinaldo gerät, unterwegs zur Befreiung Jerusalems von den „Ungläubigen“, in den Bann der heidnischen Zauberin Armida, die Gefährten Rinaldos versuchen vergebens, ihn zurückzuhalten – das schildert Tiepolo in dem einen Bild als Unterwerfung des Mannes in der Situation einer Verführung durch die dominierende Frau.

Im zugehörigen anderen Gemälde hatte die Zauberin Erfolg, nun dominiert aber der Ritter, schon dabei, sich den Gefährten wieder anzuschließen und raschen Abschied zu nehmen von der Frau, die ihm, nun die Unterlegene, nachsieht, als wollte sie sagen: War das schon alles? Unfrohes Ende von etwas – Lächeln, dass es gewesen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum