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"Germany" im Britischen Museum Deutscher Herbst in London

Die Briten nähern sich der Nation im Zentrum Europas an – die Ausstellung "Germany: memories of a nation" ist der vorläufige Höhepunkt einer neuen Wahrnehmung.

"Goethe in der Campagna" von Johann Heinrich Tischbein, jetzt in der Ausstellung "Germany: memories of a nation" im British Museum London. Foto: dpa

Immer zur vollen Stunde sammelt sich ein Grüppchen erwartungsvoller Besucher im Saal 35 des Britischen Museums in London. Andächtig betrachten sie eine übermannsgroße Zimmeruhr aus Messing, deren Zeiger ebenso gemächlich wie unaufhaltsam weitergleiten. Da durchbrechen vier helle Schläge die Stille der Ausstellung.

Oberhalb des Zifferblatts zieht ein Sensenmann vor den Augen der Zuschauer vorbei und erinnert sie an den näherrückenden Tod. Die Stundenschläge folgen. Dann herrscht eine halbe Minute lang Stille, in der sich manche Beobachter schon wieder abwenden – wer hat schon Zeit zu warten?

Doch der kurze Moment des Einhaltens lohnt sich. Plötzlich hebt das Glockenspiel an zur kaum verstimmten Wiedergabe des berühmten Chorals „Vater unser im Himmelreich“ von Martin Luther. Verblüfft sehen sich die Museumsbesucher an: Was kann dieser 425 Jahre alte Apparat des genialen Uhrmachers Isaak Habrecht (1544-1620) noch alles?

Das klingende Meisterstück ist eines von rund 200 Objekten der Kunstgeschichte, anhand derer das Museum 600 Jahre deutscher Geschichte nahebringen will. Der Ausstellung merkt man an, dass sie ein Lieblingsprojekt des germanophilen Direktors Neil MacGregor ist: In hingebungsvoller Kleinarbeit haben der Schotte, 68, und seine Kuratoren Kunsthandwerk, Gemälde, Design versammelt und unter das Motto „Germany – memories of a nation“ gestellt.

Der Plural „Erinnerungen“ deutet auf die Uneinheitlichkeit der „Nation“ mit ihren wechselnden Grenzen hin. „Es gab in der Geschichte viele verschiedene Deutschlands. Oft war es mehr eine Idee als ein einzelner Staat“, heißt es in der Schau. Der Hinweis ist wichtig in der Hauptstadt von England, dessen territoriale und staatliche Einheit ins Mittelalter zurückreicht.

Der Nachbar im Zentrum Europas ist für viele Briten, zumal die große Mehrheit der Engländer, in den vergangenen Jahrzehnten auf wenige Schlagworte reduziert worden. Den „Vorsprung durch Technik“ kann ein Automobilkonzern auf Deutsch bewerben, und jeder weiß, was gemeint ist.

Verlässlich, ein wenig langweilig

„Made in Germany“ gilt als verlässlich, gleichzeitig als ein wenig langweilig. Die Schulen des Landes verlässt kein Halbwüchsiger, ohne nicht mindestens einmal intensiv die Gräuel des Nazi-Terrors und der Judenvernichtung studiert zu haben. Andere Epochen treten völlig in den Hintergrund. Dabei ist sich Museumsdirektor MacGregor sicher: „Wenn man Europa und die Welt verstehen will, muss man Deutschland verstehen.“

25 Jahre nach dem Mauerfall ist die Weltstadt London, jedenfalls ihre kulturelle Elite, begeistert von Teutonischem. Das ist vorläufiger Höhepunkt einer Entwicklung, die vor rund einem Jahrzehnt noch kaum möglich schien. Jahrelang mochte sich das wackere Grüpplein der Germanophilen kaum aus der Deckung wagen. Um die Jahrhundertwende überschatteten immer wieder politische Zerwürfnisse das deutsch-britische Verhältnis.

Die Solidität des Mittelstandes, die gründliche berufliche Ausbildung, das ausbalancierte Regierungshandeln der Kanzlerin – in Parlament und Medien überwiegen nun die Deutschland-Versteher. Und die Bewunderer deutscher Kultur zählen auf, was dieser Herbst allein in der Hauptstadt zu bieten hat.

In der Royal Academy stehen die Besucher Schlange, um Einlass zur Retrospektive des in Paris lebenden deutschen Malers Anselm Kiefer zu erhalten. Die Marian Goodman Gallery zeigt Werke von Gerhard Richter. Tate Modern widmet dem verstorbenen Sigmar Polke eine umfassende Ausstellung. Musikliebhabern unvergessen ist jener Moment Anfang September, als Simon Rattle mit seinen Berliner Philharmonikern in der Royal Albert Hall die szenische Aufführung von Bachs Matthäus-Passion aufführte.

Nun also die Adelung durch eine Ausstellung in dem legendären Haus, das zwar das Britische im Namen trägt, aber doch ein Museum der ganzen Menschheit sein will. Habrechts klingende Uhr war hier auch bisher schon zu sehen, als Beispiel überragender, keineswegs nur deutscher Handwerkskunst der Renaissance.

Den Ausstellungsmachern dient das edle Stück nun als Symbol fortbestehender deutscher Technikverliebtheit und Detailtreue – und gleichzeitig als Symbol für Verlorenes. „German no more“ steht als Motto über diesem Teil der Schau, nicht mehr zu Deutschland gehörig. Gemeint ist Straßburg, wo Habrecht nicht nur die Uhr im berühmten Münster baute, sondern 1589 auch den in London zu sehenden Nachbau.

Die Stadt am Rhein war, so die nüchterne Bestandsaufnahme, „integraler Bestand des Heiligen Römischen Reiches“, ehe sie zu Ende des 17. Jahrhunderts von Frankreich annektiert wurde. Basel, Königsberg (Kaliningrad), Prag – ehemals deutsche Städte werden vorgestellt, um den Unterschied zwischen staatlicher und kultureller Zugehörigkeit zu erläutern.

„Eine Geschichte von politischer und geographischer Komplexität wie nur wenige andere Länder“ habe Deutschland hinter sich, erfahren die Besucher. „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.“ So werden Goethe und Schiller aus den 1797 veröffentlichten „Xenien“ zitiert.

Ein Fest für die Augen

Die Ausstellung liefert, was die Dichterfürsten der Klage hinzufügten: „Wo das Gelehrte beginnt, hört das Politische auf.“ Natürlich darf Tischbeins Gemälde „Goethe in der Campagna“ nicht fehlen, das MacGregor kurzerhand zum berühmtesten Porträt der „Nation unter Goethe“ erklärt.

Ein Exemplar der Gutenberg-Bibel, Cranachs Gemälde des Reformators Martin Luther und seiner Gemahlin Katharina von Bora, das Porzellan-Rhinozeros von 1730 aus der Meissener Manufaktur, Ernst Barlachs Mahnmal „Der Schwebende“ aus dem Güstrower Dom (als Replik), so gänzlich anders als britische Kriegerdenkmäler – ein Fest für die Augen, Anregung zum Nachdenken über Aspekte deutscher (Geistes-)Geschichte und die anhaltende Bedeutung regionaler Identität. „Die Herstellung von sowohl schönen wie zweckmäßigen Objekten stellen eine kulturelle Errungenschaft dar, die man gar nicht überschätzen kann“, so MacGregor.

Freilich fehlt bei aller Begeisterung nicht der Hinweis auf Nazi-Terror und Massenmord, „die zentrale, unausweichliche Erinnerung des modernen Deutschland“, wie es die Ausstellungsmacher formulieren. Die Nachbildung der Pforte zum Konzentrationslager Buchenwald mit dem zynischen Slogan „Jedem das Seine“ bildet das optische Memento. „Das Tor stellt eine ungelöste Frage an Deutschland und die Welt. Keine erzählerische Darstellung kann ihr gerecht werden.“

British Museum, London: bis 25. Januar.

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