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Gerhard Richter Mit dem Messer durch die Farbe

Das Potsdamer Museum Barberini zeigt eine ganz spezielle Ausstellung über Gerhard Richters Weg in die Abstraktion.

Gerhard Richter, „A B, Still“ von 1986.
Gerhard Richter, „A B, Still“ von 1986. Es ist das erste Werk des Malers in der Sammlung des Museums Barberini. Foto: Samml. Barberini/Gerhard Richter 2018

Die Malerei ist nicht tot, wie Leute, die es schon immer zu wissen glaubten, seit 100 Jahren unkten. Gerhard Richter hat nie aufgehört, an sie zu glauben. Er malte, malt weiter, sorgt dafür, dass die alte Königsdisziplin lebendig ist, von ihm nüchtern hinterfragt und erweitert, sprunghaft weitergetrieben, intensiv, wandlungsreich, vielschichtig, tief und (optimistisch) leicht zugleich. Neun Säle im Potsdamer Museum Barberini sind, dezent chronologisch, mit dem gefüllt, was schlechthin „Abstraktion“ genannt wird und den Weg des weltweit meistgefragten, mit Millionensummen gehandelten Malers nachzeichnet. 

Was gibt es eigentlich noch zu sagen über den aus Sachsen stammenden Kölner Maler? Richters viel-stiliges Werk wurde von Weltkunst-Experten tiefenbeleuchtet, gedreht, gewendet in alle Richtungen und gepriesen. Und für wohl ewigen Ruhm sorgten Groß-Retrospektiven in New York über Paris, London und Berlin bis Dresden, seiner Heimat, die er 1961, kurz vorm Mauerbau, gen Westen verlassen hat. Nach 1990 feierte die Stadt ihn wie den verlorenen Sohn. Richter beschenkte im Gegenzug die Kunstsammlungen mit Haupt- und Nebenwerken.

Das Malen ist für ihn ein quasi blindes Bemühen

Der 86-Jährige schafft es, im Barberini dem Blitzlichtgewitter der Reporter nach zwei Minuten zu entgehen und sagt im Hinblick auf seine Bilder und so freundlich wie gelassen antwortend auf alle Fragen, verblüffende Sätze: Abstraktion sei eigentlich ein eher unglücklicher Begriff für das, was er mache. Ungegenständlich klinge zwar bieder, treffe es aber besser. Nun, er sei schon froh, dass überhaupt ein Titel gefunden wurde. 

Die Ausstellung ist speziell. Noch nie zuvor wurde sich in so großem Rahmen ausschließlich auf diesen „roten Faden“ – dem Weggang von der Gegenständlichkeit, zugleich aber auch dem Spiel mit ihr – sowie auf Richters malerische Strategien und Verfahren konzentriert.

Über 90 Bilder haben Direktorin Ortrud Westheider und Kurator Dietmar Elger, Leiter des Gerhard-Richter-Archivs der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, aus weltweiten Privatsammlungen und Museen zusammengeholt. Und alles, was man zumeist erstmals sieht, verweist auf ein Hauptwerk: „AB, Still“ von 1986, das erste Bild des Malers, das ins Barberini kam, es wurde lange vor der Gründung angekauft vom Museumspatriarchen Hasso Plattner. 

Die große Tafel ist ein Paradebeispiel dafür, was Reduktion oder eben Abstraktion von Geschautem, Erlebtem ausmacht. Richter ist, das zeigt sich Bild für Bild und auch in der das Oberlicht brechenden Glasskulptur „Kartenhaus“, kein kopflastiger Maler. Ganz gleich, ob er nun Reales verfremdet durch „Graue Bilder“ und Vermalungen, durch schwarz-weiße Fotobilder, über Farbtafeln bis hin zu den Malereien mit breitem Pinsel, Schabeisen, Spachtel. Und Rakel.

Kunst geht die Wege der Imagination und macht sich ihre Geschichte selber. Und dann komme ihm, sagt Richter, manchmal die Realität dazwischen: „Wenn ich ein ungegenständliches Bild male, weiß ich weder vorher, wie es aussehen soll, noch während des Malens, wohin ich will, was zu tun wäre.“ Deshalb sei das Malen ein quasi blindes, verzweifeltes, ohnmächtiges Bemühen. 
Ob er in der Abstraktion womöglich nur erneut den Realismus suche, wird Richter  gefragt. Er suche Genauigkeit, so die Antwort. Aber das schließe abbildhaftes Nachmalen der Wirklichkeit aus. In der Natur, sagt er, stimme immer alles: Struktur, Proportionen, die Farben passen zu den Formen. Wenn man das nachmale, werde es falsch. Stellen wir uns also vor das rote „A B, Still“ von 1986. Mit dem Schabeisen hat er verborgene Schichten hervorgeholt bis auf der teilweise freigelegten Bildoberfläche das Spiel der Primärfarben Rot, Gelb, Blau sich frei entfaltet. 

Mit dieser Freiheit, des sich keiner Vorschrift Anpassen-Wollens, passiert Richters Annäherung an die Welt und deren Spiegelung, ans Licht und dessen Brechung, an die Farben, die, etwa in einer Tafel aus der Sammlung Burda, an Baumrinde denken lassen: an Birken, krude Eschen, borkige alte Eichenstämme und Fetzchen heller, glatter Buche. Obwohl die Werke so verschieden sind, finden sich Elemente des Ungegenständlichen immer wieder. Zudem bekommen wir, Malphase für Malphase, Aufschluss über die Techniken, die Richter im Laufe der Jahre unbeirrt weiterentwickelte. Etwa durch Verfahren wie das Abkratzen aufgetragener Farbe oder impulsive Schichtungen, deren Erscheinungsbild nicht zu kalkulieren war. Oder doch? Wenn er sogar selbst beim Malvorgang von einem „kalkulierten Kontrollverlust“ spricht?

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