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Füsslis „Nachtmahr“ Traum-Haft oder Während du schliefest

Eine Ausstellung im Frankfurter Goethe-Museum beleuchtet Füsslis „Nachtmahr“ und seine zahlreichen unheimlichen Verwandten.

Nachtmahr
Der Frankfurter „Nachmahr“, Füsslis mittlere von drei Versionen. Foto: FDH/Frankfurter Goethe-Museum, David Hall

Eine scheußliche Lage. Im Schlaf viel zu weit nach hinten gerutscht, so dass der Oberkörper über die Nackenrolle extra schräg nach unten hängt. Die Arme ebenfalls nach hinten, so dass noch mehr Druck auf die Körperbiegung kommt. Es wird ein unangenehmes Erwachen sein.

Ohnehin dauert es bis dahin noch eine Weile, die im Traum und auf einem Bild bekanntlich zur Ewigkeit ausartet. Ein garstig Pelztierlein hockt unterdessen auf der Frau und schaut angelegentlich auf sie herab und ist durchaus noch nicht auf dem Sprung. Durch den Vorhang glotzt – das ist nun doch recht überraschend – ein geflügeltes Pferd auf das ungleiche Paar.

Tellergroß die Gespensteraugen. Und während man schaut und noch immer schaut, denn mit diesem ganz und gar unwahrscheinlichen Szenario machte der Maler wirklich Sensation, wächst die Unsicherheit. Lehnt sich die abgeknickte Frau, wenn auch in ihrer Bewusstlosigkeit nicht effizient, auf gegen das kompakte Monster. Oder streckt sie sich ihm womöglich entgegen? Oder beides zugleich? Das darf nicht wahr sein. Über so etwas spricht man nicht.

All die Schlafenden, all die Träumenden. Bevor es hingeflüstert, aufgeschrieben, analysiert und verallgemeinert wurde, begab sich der in England als „the wild Swiss“ zu Ruhm gelangte Maler Johann Heinrich Füssli (1742–1825) in die Sphären des Alptraumgespinstes und der Lust. Keines seiner Motive aber schlug so durch wie das vom „Nachtmahr“, das Füssli in drei Versionen malte.

Das Frankfurter Goethe-Museum besitzt die mittlere Fassung, 1790/91 entstanden und von Ernst Beutler als Direktor des Freien Deutschen Hochstifts nach dem Zweiten Weltkrieg für das Goethe-Museum erworben. Damals musste sich Beutler noch rechtfertigen für den scheinbar abwegigen Ankauf – er argumentierte mit Goethes Füssli-Faible, wohingegen sich Füssli offenbar gar nicht weiter für den deutschen Dichter interessierte. Heute ist das Gemälde ein Höhepunkt der Sammlung und ein verheißungsvoller Blickfang für das im Entstehen begriffene Frankfurter Romantik-Museum.

Und auch die neue Ausstellung im Goethe-Museum wirkt wie ein Blick zurück auf künftige Möglichkeiten: „Füsslis Nachtmahr. Traum und Wahnsinn“, vorbereitet von Petra Maisak und Werner Busch, gibt dem prächtig herausgestellten Gemälde reihenweise – aber nicht in inflationärer Menge – passende beziehungsweise aufschlussreich unpassende Stücke zur Seite. Der Arkadensaal des Hauses hat sich dafür mit weinroten Stellwänden in eine regelrechte Bildergalerie verwandelt und lädt zur Sehschule ein.

Füssli selbst – nirgendwo in Deutschland, berichtet Maisak, mit mehr Arbeiten vertreten als im Goethe-Museum – variierte beständig und phantastisch. Man trifft Schläferinnen und auch Schläfer (!) in bizarren Situationen, elfenumtanzt, festgekettet in Traum-Haft, von Amors Pfeil eine Sekunde später direkt in den Schoß getroffen, während die Totenkopffalter schon unverhohlen kopulieren. Oder aber auch in derartig schmerzerfüllter Erregung, dass man bis heute in Verlegenheit geraten kann. „Der Alp verlässt das Lager zweier schlafender Frauen“ zeigt eine solche Szene in Nackt- und Krassheit, denn diese Frauen sind nicht jung und schön, aber was macht das schon. Auch hier ist der Alp, der Incubus beritten, man sieht seine Hörnchen und das gewaltige Hinterteil des durchs Fenster davongaloppierenden Pferdes.

Dass das Wort Nightmare / Nachtmahr die englische Stute und die deutsche Mähre – die sich nurmehr als Schindmähre in unsere Zeit rettete – enthält, interessiert Füssli vielfach. Eine Konstellation, bei der man sich einmal klarmachen muss, sofern man noch klar denken kann im fabelhaften Gewusel, dass Füssli der erste war, der sie ins Bild setzte.

Auch das macht die Ausstellung geschwind deutlich: Arbeiten einiger Vorgänger und Zeitgenossen demonstrieren fast schon beschämend, was für ein originelles Spektakel Füssli veranstaltete – so im Kapitel zur geistigen Verstörung als unangenehmem Verwandten des Traums, wenn Füsslis „Wahnsinnige Kate“ auf ein doch recht braves ähnliches Motiv von Angelika Kaufmann trifft, Füsslis Jahrgang.

Füssli suchte den Knalleffekt und er fand ihn sowohl auf der unmittelbaren Bildebene als auch im übertragenen Sinne. Immer versteckt sich noch etwas auf einem Füssli-Bild. Lange muss man lesen, erzählt Maisak, um in Miltons „Verlorenem Paradies“ die ganz kleine Stelle zu finden, an der sich „Der Traum des Schäfers“ entzündet hat, von elfenhaften wie teuflischen Wesen nicht nur umlagert, sondern umbraust. Eine ins unbestimmt Dampfende übergehende Wirbelbewegung gehört zu Füsslis Spezialitäten und nicht von ungefähr schlägt Maisak vor, Zusammenhänge zwischen Füssli und der Comiczeichnung noch näher in den Blick zu nehmen.

Der schlafende Schäfer ist es übrigens auch, der in Ketten liegt. Keineswegs, betont Maisak, seien es bei Füssli allein die Frauen, die in hilflos exponierte Lage geraten.

Geweitet wird der Blick also auf Wahnsinns-Szenarien, auf Füsslis Zitierlust – sich selbst und andere zitiert er, es gibt Bilder, die wirken wie Collagen – und  auf weitere Beispiele für seine Literaturbesessenheit. Seine vorzügliche Bildung half ihm dabei, manches Bild wird durch ein griechisches Zitat veredelt.

Filmausschnitte belegen Füsslis Bildkraft bis in unsere Tage. „Der Nachtmahr“ war so erfolgreich, dass Raubdrucke und Karikaturen schon fast auf dem Fuß folgten. Beispiele gehen bis zur gebeutelten Angela Merkel, von Papandreou und Berlusconi in ihren ganz und gar unlustigen Alptraum verfolgt.

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