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Frau Architekt im DAM Das Werk der Kolleginnen

Längst überfällig: Das Deutsche Architekturmuseum würdigt die Rolle von Architektinnen.

Entwurf Hillebrands
Lucy Hillebrands Modellentwurf für die St. Nikolauskirche auf der Nordseeinsel Langeoog. Foto: DAM

Dass Frauen Häuser entwerfen, ist in Deutschland normal. Doch woran liegt es bloß, dass einem dazu kaum Namen einfallen? Sind Architektinnen weniger gut als ihre männlichen Kollegen? Die Ausstellung „Frau Architekt“ im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt beleuchtet ein Phänomen, das aus der Historie zwar erklärbar sein mag – erst 1909 durften Frauen deutschlandweit an technischen Hochschulen studieren –, dessen Fortbestehen in der Gegenwart allerdings massiv irritiert. 

Von etwa hundert monografischen Ausstellungen, die das DAM seit seiner Eröffnung 1984 ausgerichtet hat, seien lediglich vier gewesen, die sich mit dem Leben und Wirken von Frauen beschäftigt haben, erzählt DAM-Direktor Peter Cachola Schmal und wirkt dabei leicht bestürzt. Zwar sind inzwischen mehr als die Hälfte der Studierenden an den Architekturfakultäten Frauen, doch ein großer Teil von ihnen arbeitet später nicht im erlernten Beruf. Nur die Allerwenigsten steigen letztlich zu den Stars der Branche auf.

Und so kommt es, dass man von den 22 Architektinnen, die das DAM jetzt in der sehr sehenswerten, chronologisch aufgebauten Schau porträtiert, kaum eine kennt. Und selbst jene paar, die es zu Ruhm und Ehre gebracht haben, wie etwa Margarete Schütte-Lihotzky, assoziiert man vorwiegend mit Küchen oder Kindergärten. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand die Architektin Therese Mogger vor einem Problem, das die Situation von Frauen in leitenden Männerberufen auf den Punkt brachte: Ein Studium, gut und schön – aber wer würde einer Frau schon einen Auftrag für ein Gebäude erteilen?

Mogger ging die Sache pragmatisch an. Ab 1911 begann die Architektin in Düsseldorf Grundstücke zu kaufen, auf denen sie Häuser baute. Sie war also Bauherrin und Architektin in einem. Mogger war in vielerlei Hinsicht eine ungewöhnliche Frau. 1875 wurde sie im bayrischen Ottobeuren in eine wohlhabende Familie geboren. Sie schloss eine Ausbildung zur Lehrerin ab, heiratete und bekam drei Kinder. Dann jedoch beschloss sie, die Konventionen zu ignorieren. Sie ließ sich scheiden, brachte ihre Kinder in einem Internat unter und besuchte ab 1904 als Gasthörerin Architekturvorlesungen an der Technischen Hochschule in München. Erst 1905 durften Frauen sich dort offiziell einschreiben. Bald darauf wechselte sie an die Technische Hochschule Berlin-Charlottenburg, eröffnete schließlich in Düsseldorf ein Architekturbüro – und versorgte sich selbst mit Aufträgen: Mehrfamilienhäuser, die sie an Investoren verkaufte. 1919 wurde sie als erste Frau zum Bund Deutscher Architekten zugelassen. Schon bald feierte man sie als Wegbereiterin weiblicher Berufstätigkeit – in einem Gebiet, das als Männerdomäne galt.

Aber was heißt schon „galt“? Noch heute denkt man bei Architektur zuallererst an Männer. Ein Grund dafür ist unter anderem die Tatsache, dass Frauen fast nie ein eigenes Architekturbüro eröffnen. In der Regel arbeiten sie zusammen mit männlichen Kollegen, bisweilen mit ihren (berühmteren) Ehemännern wie Marlene Poelzig, Frau des Architekten Hans Poelzig. Eine Fotografie zeigt sie mit einer Gruppe Männern am Tisch während des Richtfests für das Haus, das sie für sich und ihre Familie entworfen hat. In einer 1984 erschienen Ausgabe der Zeitschrift „Bauwelt“ ist das Foto abgebildet, jedoch ohne die offenbar als unwichtig eingestufte Frau darauf.

Dass Fleiß und Begabung bei Architektinnen zum Erfolg nicht ausreichten, betont Mary Pepchinski, die die Ausstellung mit Christina Budde und Wolfgang Voigt kuratiert hat. „Die Frauen brauchten Chancen und massive Unterstützung.“ Chancen boten sich unter anderem durch den Ersten Weltkrieg, als etliche Architektinnen beim Wiederaufbau Ostpreußens praktische Erfahrungen sammeln konnten. 1920 wurde etwa Elisabeth von Knobelsdorff, die während des Krieges als „Feldarchitekt im Leutnantsrang“ bei der Militärbauverwaltung in Döberitz tätig war, zur ersten Regierungsbaumeisterin in Potsdam berufen – wegen ihrer Hochzeit zwei Jahre später wurde sie allerdings aus dem Staatsdienst wieder entlassen. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten viele Architektinnen die Zerstörung der Städte als Chance. So wie Hilde Westström, deren erstes Projekt 1946 der Entwurf einer Leichenhalle für die amerikanischen Streitkräfte in West-Berlin war. Oder Lotte Stam-Beese, die bereits Mitte der 30er Jahre nach Holland ausgewandert war und nun Wohnanlagen in Rotterdam entwarf.

In der DDR, wo die Berufstätigkeit von Frauen massiv gefördert wurde, boten sich für Architektinnen Aufstiegschancen. Ein Beispiel ist Iris Dullin-Grund, die in den 60er Jahren eine der einflussreichsten Architektinnen der DDR wurde. In Neubrandenburg baute sie das Haus der Kultur und Bildung, das den Aufbruch der DDR in die Moderne markierte und ihr auch jenseits der Grenze Anerkennung verschaffte. Ab 1970 war sie Stadtarchitektin von Neubrandenburg und entwickelte zahlreiche städtebauliche Pläne für Neubaugebiete. Karriere machte auch Gertrud Schille, die in den 70er und 80er Jahren dem VEB Carl-Zeiss-Jena spektakuläre Planetarien für den internationalen Export entwarf. 

Zur gleichen Zeit entwarf im Westen die Feministin Verena Dietrich fantastische Bauten aus Stahl. Etwa eine Anfang der 90err Jahre gebaute Fußgängerbrücke für den Kölner Medienpark. Ihre Konstruktionen sind filigran und innovativ, sie gewann Wettbewerbe, Preise und erhielt diverse Lehraufträge. Doch wer kennt schon den Namen Verena Dietrich? Es wird höchste Zeit, dass sich das ändert.

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