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Frankreich Französische Museen sollen ihre Regale leeren

Ein von Staatschef Macron in Auftrag gegebenes Gutachten empfiehlt die Rückgabe afrikanischer Raubkunst aus Kolonialzeiten.

Sie hat geahnt, dass sie ein Beben auslösen würde. Und sie hat es wohl auch gewollt. Vor Monaten schon hat die an der Technischen Universität Berlin lehrende Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy den „intellektuellen Mut“ beschworen, „den es braucht, um tektonische Platten auf lange Zeit erstarrtem Gebiet in Bewegung zu bringen“. Anfang März war das, als Savoy und der senegalesische Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron beauftragt wurden, ein Gutachten zur Rückgabe afrikanischer Raubkunst an die Herkunftsländer zu erstellen. 

Savoy hat den Mut aufgebracht. Die am Mittwoch vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangte Expertise dürfte schwere Verwerfungen auslösen. Hält man sich an die zwei Tage vor der offiziellen Übergabe im Elysée-Palast von der Zeitung „Le Monde“ online gestellten Auszüge des 232 Seiten starken Berichts, so bereiten die Verfasser einer nahezu kompletten Rückgabe aus der Kolonialzeit stammenden Kulturguts den Weg. 

Gewiss, die von Savoy und Sarr empfohlene Rückerstattung ist an Bedingungen geknüpft. Ein afrikanischer Staat soll eine Rückgabe nur verlangen können, wenn der Besitzer nicht den Nachweis zu erbringen vermag, dass er das fragliche Kunstwerk im vollen Einvernehmen mit dem afrikanischen Vorbesitzer erworben hat oder ein solches Einvernehmen „sehr wahrscheinlich“ ist. 

Doch der Vorbehalt dürfte in der Praxis weitgehend ins Leere laufen. Ob afrikanisches Kulturerbe nun von Soldaten oder Plünderern, Missionaren oder Beamten, Ethnologen, Kunsthändlern oder Kunstsammlern außer Landes geschafft wurde: Der Nachweis, dass Künstler den Kolonialherren ihr Werk aus freien Stücken ausgehändigt haben, dürfte meist nicht zu erbringen sein. Selbst wo französische Kunstliebhaber seinerzeit Werke in Afrika bestellt und bezahlt haben, scheint fraglich, ob dies Jahrzehnte später nachzuweisen oder zumindest plausibel zu machen ist. 

Dramatische Folgen zeichnen sich ab. Allein das vom ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac hinterlassene Pariser Völkerkundemuseum am Quai Branly beherbergt 70.000 Stücke afrikanischer Herkunft. Insgesamt dürften 90.000 Kunstwerke nach Frankreich gelangt sein. „Afrikas aus der Kolonialzeit stammendes Kulturerbe ist komplett verschwunden“, sagt der an der Universität von Dakar lehrende Felwine Sarr. 

Zugleich ist schwer vorstellbar, dass Frankreichs große Museen bereitwillig Vitrinen und Regale leeren. Ein kollektiver Aufschrei der Empörung wäre die Folge. Zumal sich andere afrikanisches Kulturgut besitzende ehemalige Kolonialmächte weniger großzügig zeigen oder zumindest wesentlich diskreter zu Werke gehen. Für Macron heißt das: Er muss sich an einem heiklen politischen Balanceakt versuchen. 

Schon seine Ankündigung, eine Rückgabe von Raubkunst grundsätzlich ermöglichen zu wollen, hatte Aufsehen erregt. Ende November 2017 war der Staatschef überraschend aus der Deckung gekommen. Jahrzehntelang hatten sich Frankreichs Präsidenten hinter dem Argument verschanzt, das in den Museen des Landes ruhende Kulturerbe sei unveräußerlich und zwar ungeachtet seiner Herkunft. Ein die Unveräußerlichkeit festschreibendes Gesetz verlieh der Weigerung juristische Weihen. In der Aula der Universität von Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou eröffnete Macron seinerzeit den sich im Saal drängenden Studenten, dass er mit der Praxis seiner Vorgänger brechen werde. Binnen fünf Jahren wolle er die Voraussetzungen für eine befristete oder endgültige Rückgabe von afrikanischem Kulturerbe schaffen. Tosender Beifall war der Lohn. 

Gut ein Vierteljahr später zeigte sich das Pariser Außenministerium zwar zugeknöpft. Anfang März stellte es klar, dass man einem Gesuch der Regierung von Benin nicht nachkommen, im Quai-Branly-Museum ausgestellte Büsten ehemaliger Könige des Landes nicht zurückgeben werde. Sarr geht davon aus, dass die Tür jetzt halb offen steht. Nach Benin dürften weitere Länder wie Ghana oder der Senegal Rückgabegesuche stellen, vermutet er.

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