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Frankfurter Schirn Spuren von Schuhsohlen im Sand

Lena Henkes Installation „Schrei mich nicht an, Krieger!“ ist in der Rotunde der Frankfurter Schirn zu sehen und gibt Rätsel auf.

Schirn
Die Schirn Rotunde in beerenfarben. Warum? Foto: Günzel/ Schirn Kunsthalle

O ft ist es ja so: Man steht vor der Kunst und fragt sich, was soll das jetzt? Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt allerdings ist bekannt dafür, dass sie den Besucher mit seiner Ratlosigkeit nicht alleine lässt. In aller Regel sorgen hier informative Wandtexte für Klarheit, ordnen das Werk in seinen zeitlichen Zusammenhang ein, geben Hinweise auf die Art und Weise, wie es entstand und wie es interpretiert werden kann. Auch in der Rotunde, wo derzeit die Installation „Schrei mich nicht an, Krieger!“ der in New York lebenden Städelschulabsolventin Lena Henke zu sehen ist, hängt eine Tafel, die dem Unkundigen Hilfe suggeriert. Man steht also da, zwischen zwei Aluminiumskulpturen, die man an anderer Stelle vermutlich für überdimensionierte Mülleimer gehalten hätte, neben farbig gefassten Säulen und schaut nach oben. Jeweils oberhalb der Skulpturen befinden sich grobmaschige Rollgitter, dahinter liegt Sand auf dem Boden, der zuvor offenbar teilweise herabgerieselt ist. Die Wände dahinter sind beerenfarbig gestrichen. Das Arrangement sieht leider nur mäßig interessant aus, aber womöglich hat man etwas Wichtiges nicht erkannt.

Auf der Suche nach Erklärung liest man also den Text zum Werk: Er beschreibt zunächst, was zu sehen ist. Auch, dass man die verglasten Rotunden-Umgänge im ersten Stock betreten kann (sogar den Sand!) und dass man von dort aus erkennen kann, dass die Aluskulpturen Augen darstellen. Gut. Augen voller Sand also. Unangenehm, aber nicht so prickelnd, dass einen das umhauen würde.

Jetzt also die Erklärung: „Henke setzt in ihrer Formensprache bewusst Referenzen auf die jüngere Kunstgeschichte ein. Die matte Aluminiumoberfläche verweist auf die Ästhetik der Minimalisten, wie sie beispielsweise die Skulpturen von Donald Judd verkörpern. Die Form des Auges in Verbindung mit dem Sand schließt durchaus an die Suggestivkraft surrealistischer Kunst an.“ Aha. Die Künstlerin wagt also einen Blick zurück auf die Kunstgeschichte, doch wozu? Was ist die Absicht dahinter?

„Henke sucht die Auseinandersetzung mit den ästhetischen Konzepten des 20. und 21. Jahrhunderts und fordert sie sogar laut heraus. Der assoziativ offen gehaltene Titel ,Schrei mich nicht an, Krieger!‘ sollte auch in diesem Kontext gehört werden.“ Zu hören ist genau genommen nichts, außer den üblichen Freiluftgeräuschen. Offenbar ist ein imaginäres Schreien gemeint. Doch wer ist „ich“? Und wer soll der „Krieger“ sein? Die Bedeutung des Titels erschließt sich auch nach längerer Überlegung kein bisschen. Also weiter im Text: „Die Partizipation des Betrachters verändert die Skulptur ununterbrochen“ – da Schilder darauf hinweisen, dass man nichts anfassen darf, sind wohl die Spuren gemeint, die die eigenen Schuhsohlen im Sand hinterlassen, bis der Nächste drüber läuft. Das kann man auch auf jedem Spielplatz haben –, „und zusammen mit der allegorischen Bedeutung des Sandes verweist dieser Vorgang auf den Lauf der Zeit und die Vergänglichkeit schlechthin.“ Das lässt sich in seiner raunenden Beliebigkeit gewiss über vieles sagen.

 

Schirn Kunsthalle, Frankfurt:
bis 30.Juli. www.schirn.de

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