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Frankfurter Kunstverein Was bin ich: Vogel? Mikrowelle?

Der Frankfurter Kunstverein zeigt, wie Algorithmen die Welt sehen. Aber wie funktionieren solche „selbstdenkenden“ Systeme eigentlich?

Probably Chelsea
Heather Dewey-Hagborg & Chelsea E. Manning. Probably Chelsea, 2017. Foto: N. Miguletz/Frankfurter Kunstverein

Es geht um Dinge, mit denen man permanent konfrontiert ist, selbst wenn man sich keinen Deut dafür interessiert: künstliche Intelligenz, Algorithmen, Überwachungselektronik. Zwar denkt man normalerweise nicht groß darüber nach, dass man im öffentlichen Raum, in Kaufhäusern, Foyers oder am Bankautomaten oft mehrmals täglich von Kameras gefilmt wird, neuerdings könnte es einem allerdings passieren, dass man im Frankfurter Kunstverein als mögliche Britney Spears identifiziert wird – sofern man ihr ähnlich sieht. Der belgische Künstler Dries Depoorter hat eine Technik entwickelt, mit deren Hilfe er zahlreiche Überwachungskameras, die ungesicherte Bilder aufzeichnen und übertragen, weltweit in Echtzeit anzapft. 

Das Gerät nutzt zudem einen Bilderkennungsservice von Microsoft, um Prominente aufzuspüren, deren aktueller Standort und Wikipedia-Eintrag im Kunstverein angezeigt wird. In den ersten zwei Tagen seit ihrer Installation hat die Arbeit mit dem Titel „Surveillance Paparazzi“ allerdings erst sieben mögliche C-Promis dingfest machen können, darunter einen indischen Schachspieler und eine koreanische Sängerin. Rugby-Fans mag immerhin der Neuseeländer Rene Ranger ein Begriff sein, der von dem System mit einer Wahrscheinlichkeit von 67 Prozent identifiziert wurde.

„I am here to learn – Zur maschinellen Interpretation der Welt“ ist der Titel der großartigen Ausstellung, für die der Kurator Mattis Kuhn zusammen mit Kunstvereins-Leiterin Franziska Nori Werke zusammengetragen hat, die die Prozesse maschineller Wahrnehmung und Handlungsautonomie thematisieren. Es geht um Techniken, die in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen längst angewendet werden, elektronische Systeme, denen wir Verantwortung übertragen, deren Anfälligkeit für fehlerhafte Interpretationen jedoch im Extremfall fatale Folgen haben kann. Wenn – wie 2013 im Jemen geschehen – eine US-Drohne aus Versehen eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert, kann das schlichtweg daran liegen, dass Algorithmen aus Beobachtungen falsche Schlüsse gezogen haben. Wie schnell das geht, sieht man täglich im Netz an personalisierter Werbung, die häufig genug an den falschen Adressaten gerät.

Die Fehlerhaftigkeit solcher Systeme zeigt in einer frappierenden Eindeutigkeit auch die Arbeit „1 & N Chairs“ von Fito Segrera, die aus einem Holzstuhl besteht, deren Details von einer Kamera abgefilmt werden. Auch hier kommt ein Bilderkennungssystem von Microsoft zum Einsatz, das die gefilmten Ausschnitte auswertet. Zu welchen Erkenntnissen es gelangt, zeigen zwei Monitore: rechts sieht man die Bildbeschreibung – etwa „Vogel“ oder „Mikrowelle“ – links ein Bild, das bei der Onlinebildersuche zu diesem Begriff erscheint. Die Anspielung auf Joseph Kosuths legendäre Installation „One and Three Chairs“, die einen Stuhl mit seinem Foto und seiner lexikalischen Beschreibung konfrontiert, liegt auf der Hand. Die Gegenwart jedoch – so suggeriert die Arbeit des kolumbianischen Künstlers und Technologen, führt die Möglichkeiten der Abstraktion eines Dings ins Unendliche – und gleichzeitig ad absurdum. 

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