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Frankfurter Kunstverein Idyll mit Krake

Zeigen, was man nicht sehen kann. Der Frankfurter Kunstverein stellt Werke von Trevor Paglen vor, der sich seit langem mit Überwachung beschäftigt.

National Security Agency, Ft. Meade, Maryland. Foto: Trevor Paglen

Solange man es nicht besser weiß, hält man die Bilder für duftig-zarte Wolkenfotos. Selbst, wenn man sie sehr genau betrachtet, kommt man nicht drauf, worum es hier tatsächlich geht. Zwar erkennt man auf jedem dieser Bilder etwas Winziges, Dunkles. Etwas, das aussieht, wie ein Vogel oder eine Libelle und nur versehentlich in den Fokus der Kamera geraten zu sein scheint. Dass es sich dabei um Drohnen über der Wüste Nevadas handelt, muss man allerdings nachlesen.

Trevor Paglens Kunst erklärt sich nicht selbst, was kein Wunder ist. Schließlich fotografiert der US-amerikanische Künstler Orte und Dinge, die im Zusammenhang mit Überwachung und politischer Einflussnahme stehen und die daher normalerweise unsichtbar verborgen sind: Geheimgefängnisse, Spionagesatelliten, Abhörstationen, militärische Sperrgebiete.

„The Octopus“ heißt die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein, die derzeit einen Querschnitt durch das Schaffen des Fotokünstlers zeigt, der 1974 in Maryland geboren wurde und in New York lebt.

Seine Fotografien sehen mal aus wie Landschaftsidyllen, mal wie Detektivfotos. Oft ist nichts Bemerkenswertes zu sehen, bloß das Meer mit einem Windsurfer oder der Strand mit ein paar Badegästen. Dass es sich dabei um Orte handelt, an denen unterirdische Kabel, die den europäischen mit dem amerikanischen Kontinent verbinden, auf das Festland treffen, wo sie von der NSA zu Überwachungszwecken angezapft werden – auch das muss man nachlesen. Er wolle die Unsichtbarkeit dieser Mechanismen zeigen, sagt der Künstler, was naturgemäß ein wenig paradox klingt.

Kein Komet, sondern ein US-Satellit

Auch eine Reihe von Fotografien des nächtlichen Himmels haben es selbstredend in sich. Bei den zarten Leuchtstreifen handele es sich keineswegs um Kometen, sondern um amerikanische Satelliten, erklärt der studierte Geograf. Woher er das weiß? Durch das Ausschlussverfahren. In den USA, so der Künstler, gäbe es Listen, in denen sämtliche ausländischen Spionage-Satelliten verzeichnet seien. Nur die amerikanischen nicht.

Normalerweise sieht man sie auch gar nicht, doch Paglen greift nicht nur auf Informationen eines internationalen Netzwerks von Amateur-Beobachtern zu, er verfügt auch über leistungsstarke Teleskope und Großbildkameras. Mit deren Hilfe gelang es ihm auch, Hangars und Benzinlager in 18 Meilen Entfernung zu fotografieren, das Ergebnis ist ziemlich verschwommen, was die Sache inhaltlich wiederum schön auf den Punkt bringt. Mit bloßem Auge sind die von kilometerbreiten Sperrgebieten umfassten Orte erst gar nicht zu erkennen, sagt Paglen, der längst Experte im Aufstöbern solcher Geheimplätze ist.

Regelrecht verwunschen wirkt eine Aufnahme, die Paglen unter Langzeitbelichtung bei Mondlicht in den idyllischen Wäldern von West Virginia erstellte. Was in der Ferne wie ein Zauberschloss leuchtet, ist allerdings eine Abhörstation, die Kommunikations- und Fernmesssignale aus der ganzen Welt abfängt, wenn sie vom Mond zurück zur Erde reflektiert werden. Im Umkreis von 34 000 Quadratkilometern seien Radio-Übertragungen und Internetverbindungen deshalb fast vollständig verboten, informiert ein Wandtext.

Von Hackern abgefangenes Überwachungsmaterial

Neben Fotografien präsentiert Trevor Paglen auch ein Video, bei dem es sich um streng geheimes Überwachungsmaterial handelt, das von Hackern abgefangen und veröffentlicht („geleakt“) wurde, sowie zahlreiche Dokumente, die teilweise aus dem Archiv von Edward Snowden stammen. Als Rechercheur und Kameramann war Trevor Paglen übrigens Teil des Teams, das für den Dokumentarfilm „Citizenfour“ über die Snowden-Affäre unlängst mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.

Bemerkenswert ist, dass sich Trevor Paglen bereits seit über einem Jahrzehnt mit den Strukturen der Überwachung auseinandersetzt – also lange vor dem Skandal um die NSA und den berühmten Whistleblower. Bemerkenswert ist auch, dass Paglen sich als Künstler sieht, was bei seinem Sujet nicht unbedingt naheliegt, andererseits jedoch eine hervorragende Methode ist, die Ergebnisse seiner Recherche einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Es ist die zweite Ausstellung, die die neue Leiterin Franziska Nori im Frankfurter Kunstverein eröffnet, die erste – eine inhaltlich ganz anders gelagerte Schau des Österreichers Thomas Feuerstein – läuft parallel, was erstaunlich gut funktioniert und das Haus auf ungewohnte Weise belebt.

Zu den Exponaten von Trevor Paglen gehört übrigens auch ein „Autonomy Cube“, eine funktionale Skulptur, die jedem Besucher den anonymen Zugang zum Internet ermöglicht. Da steht man dann davor und weiß gar nichts anzufangen mit der ungewohnten Anonymität. Probehalber besucht man Seiten, die man auch sonst besucht – bloß dass es diesmal ganz sicher niemand erfährt.

Frankfurter Kunstverein: bis 30. August. www.fkv.de

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