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Frankfurter Kunstverein Der Instinkt ist stärker als das Wissen

Der Frankfurter Kunstverein beschäftigt sich mit der Konstruktion von Wirklichkeit in virtuellen Welten.

Der Besucherin schwindelt beim Virtual Reality Game ?Plank Experience? von Toast.

Man steht vor einem alten Brett, das im Frankfurter Kunstverein auf dem Boden liegt, und schafft es einfach nicht, sich da drauf zu stellen. Versucht man es, kriegt man Herzklopfen, Schweißausbrüche – Angst. Grund dafür ist eine Datenbrille, die dem Träger suggeriert, er sei ganz woanders. Nämlich im Obergeschoss eines Wolkenkratzers, aus dem dieses Brett mitten ins Freie ragt. Die Illusion ist alles andere als perfekt. Die Wolkenkratzer um einen herum und die Autos unten auf der Straße sieht man als Pixelbilder; der Sonnenuntergang ist zu schrill. Es ist wirklich total bekloppt, dass man diese drei Schritte nicht hinbekommt. Sicher, es gibt Besucher, die trauen sich. Menschen, die keine Höhenangst haben. Manch einer ist gar so wagemutig und springt vom Brett ins vermeintlich Leere. Die meisten können das nicht. Der Instinkt, so lehrt das Virtual-Reality-Spiel namens „Plank Experience“, das von Toast, einem Kollektiv australischer Spieleentwickler, erfunden wurde, ist weitaus stärker als alles, was wir wissen. Und: Körper und Geist lassen sich auf eine geradezu beängstigende Weise manipulieren.

„Perception is Reality – Über die Konstruktion von Wirklichkeit und virtuelle Welten“ ist der Titel einer grandiosen Ausstellung, die nach den geistigen und emotionalen Auswirkungen künstlicher Realitäten fragt, die uns heute schon regelmäßig begegnen und die in Zukunft womöglich zentraler Bestandteil unseres Alltags sein könnten.

Um zu demonstrieren, wie und wo die artifiziellen Bildwelten bereits eingesetzt werden und wie es sich anfühlt, wenn man sie betritt, hat Kunstvereins-Direktorin Franziska Nori nicht nur Künstler eingeladen, sondern zum Beispiel das Bayerische Landeskriminalamt, genauer: die Abteilung zentrale Fototechnik & 3D-Tatortvermessung. Dort werden digitale Visualisierungen von Tatorten hergestellt, um sie orts- und zeitunabhängig untersuchen und dabei jede erdenkliche Perspektive einnehmen zu können. Eine weitere Applikation stammt aus der forensischen Medizin, wo 3D-Rekonstruktionen von Körpern eine Untersuchung aus einer virtuellen Innenansicht ermöglichen.

Thomas Demand rekonstruiert Tatorte aus Pappe

Im Kunstverein kann man nun einen Raum betreten, in dem ein Doppelmord geschah und die Blutspur sehen, die der Täter zwar entfernt zu haben glaubte, die jedoch mithilfe eines speziellen Verfahrens wieder sichtbar gemacht wurde. Oder man läuft über das riesige Areal eines abgebrannten Sägewerks. Oder steht von einer Sekunde auf die andere allein mit einer Leiche im Obduktionsraum. Wer will, kann sich den Körper von innen ansehen. Was diese Erfahrungen so gespenstisch macht, ist die Tatsache, dass das, was wir sehen, echte Räume wiedergibt, einen echten Menschen und dessen Organe. Dass wir das, was wir gesehen haben, als Erfahrung abspeichern und irgendwann womöglich nicht mehr unterscheiden können, was wir wirklich erlebt haben und was nur virtuell. Eine beängstigende Vorstellung.

Auch Thomas Demand beschäftigt sich in seinen Fotoarbeiten mit Orten, die wir alle in unserem Gehirn gespeichert haben, ohne dass wir sie je betreten hätten. Auch er rekonstruiert Tatorte – wenngleich aus Papier und Pappe. Dann fotografiert er sie, wie die ausgestellte Arbeit „Patio“, die auf ein Pressefoto zurückgeht, das einen Teil des Hinterhofs eines mehrfachen Mörders zeigt, der über 16 Jahre lang unerkannt in Santa Monica lebte. Das Bild zeigt einen Ort, der unauffälliger nicht sein könnte und doch zur Projektionsfläche für Fantasien geworden ist.

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