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Frankfurt Versuche, das Vollkommene zu erreichen

Lore Kramers Keramiken im Museum Angewandte Kunst.

Kunst
Gelbe Vase von Lore Kramer. Foto: Museum Angewandte Kunst

An seinen ersten Kontakt mit Lore Kramers Werk erinnert sich der Leiter des Frankfurter Museums Angewandte Kunst, Matthias Wagner K, lebhaft: „Ich stieg hinab in einen kleinen Kellerraum, und da lag das gesamte Werk, gestapelt.“ Keine ideale Präsentation, und trotzdem hätten ihn die schlichten, leuchtend glasierten Schalen, Tellern, Tassen und Vasen, unmittelbar berührt, sagt Wagner K: „Es war, als stünde ich in einer Edelsteinsammlung.“ Zugleich verstand er nicht, warum dieses, Lore Kramers Werk bislang unbeachtet geblieben war. Erst eine ihrer Töchter machte ihn auf das aufmerksam, was da seit fast 30 Jahren ein Schattendasein geführt hatte.

So lange war es her, dass die Lehrwerkstatt für Keramik an der Offenbacher Werkkunstschule (heute Hochschule für Gestaltung), die Kramer einst aufgebaut und jahrzehntelang geleitet hatte, geschlossen wurde. Die „Vollblutlehrende“, wie sich Lore Kramer, Jahrgang 1926, selbst nennt, hatte immer mehr Wert darauf gelegt, in ihrer täglichen Tätigkeit aufzugehen, als auf die spätere Präsentation dessen, was dabei herausgekam. Und so hätten nicht einmal alle ihre Freunde damals von dem umfangreichen Keramikwerk gewusst. Jetzt, nach all den Jahren, fühle sie sich wie „das Mammut, das im Eise steckte“ und endlich entdeckt wurde, erzählt die unprätentiöse, präsente 91-Jährige mit einem Lächeln.

Es spricht für die Robustheit von Kramers Arbeiten, dass man ihnen diese Kellerjahre in keiner Weise ansieht, jetzt wo sie im Museum Angewandte Kunst in hellen, hohen Räumen angemessen präsentiert werden. Hier kommt all das endlich zur Geltung: Die klaren Formen, die unglaublichen Farben. Beides in allen denkbaren Variationen. Zu den schönsten Ausstellungsstücken gehören lange Versuchsreihen von streichholzschachtelgroßen Fliesen und Mini-Schalen, auf denen Kramer und ihre Studenten in einer ewigen Sisyphosarbeit immer wieder neue Glasurmischungen, Brennzeiten und Temperaturgrade testeten. Herausgekommen sind mal wunderbare Farbexplosionen - vor allem das tiefe Königsblau bleibt nachhaltig im Gedächtnis –, mal ganz sanfte Farbverläufe: weiß zu türkis, rotbraun zu gekörntem beige. „Meine größte Freude war es, immer wieder aufs Neue zu versuchen, das Vollkommene zu erreichen – auch wenn das letztendlich unmöglich ist.“ Diese Begeisterung auch in den Studenten zu entfachen, sei ihr Lebensziel gewesen, sagt die 91-jährige Lore Kramer.

Doch bei aller Schönheit sieht man jeder einzelnen der 300 in der Ausstellung gezeigten Keramiken sofort an, worin ihre Funktion liegt. Zusammen mit ihren Studenten habe sie sich immer wieder gefragt: „Wie lässt es sich aus der Tasse oder aus dem Becher trinken? Tropft die Tülle? Wie verhält sich der Deckel beim Ausgießen?“ Angeregt zu derlei Fragen habe sie ein Text von Adolf Loos, „Keramika“, geschrieben 1904. Darin heißt es: „Aus dem Trinkglas will ich trinken. Ob Wasser oder Wein, Bier oder Schnaps, das Glas sei so beschaffen, daß mir das Getränk am besten schmeckt. Das ist die Hauptsache. Und aus diesem Grunde opfere ich gern alle altdeutschen Sprüche oder secessionistischen Ornamente.“ In dieser Sache stimmte Lore Kramer mit ihrem Ehemann Ferdinand Kramer überein, dessen funktionalistisch-moderne Arbeiten Max Horkheimer so schätzte, dass er ihn nach dem Krieg als Rektor der Frankfurter Universität mit der Erweiterung des Campus Bockenheim betraute.

Das auch das Werk seiner Frau nach all den Jahren endlich gewürdigt wird, ist ein Gewinn - und dass die Ausstellung zu großen Teilen von heutigen Offenbacher HfG-Studenten konzipiert worden ist, macht das Ganze zu einer runden Sache.

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