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Frankfurt Lotte Laserstein im Städel

„Von Angesicht zu Angesicht“: Das Frankfurter Städelmuseum blickt mit der Malerin Lotte Laserstein auf die Weimarer Republik.

Lotte Laserstein im Städel
„Ich und mein Model“ heißt das 1929/3 geschaffene Gemälde von Lotte Laserstein, zu sehen in der Einzelausstellung im Frankfurter Städelmuseum. Foto: epd

Eine fesselnde Szene auf einer maximal genutzten Breitbildfläche: Auf einer Terrasse über einer historischen Stadtsilhouette (Potsdam) sitzen und stehen drei junge Frauen, zwei junge Männer in einer an das „Letzte Abendmahl“ erinnernden Anordnung an einer Tafel. Würden die beiden stehenden Frauen nicht aus verschiedenen Gründen den Kopf minimal senken, wären sie nicht mehr vollständig im Bild. So wirkt alles ganz selbstverständlich, trotz des offenkundigen Arrangements. Die Figuren sind ausdrucksstark verstummt, vielleicht nur für einen dieser Momente, die jeder gesellige Abend kennt. Unten liegt ein Schäferhund, als würde er schlafen, aber auch seine Augen sind offen und schauen ins Leere.

Lotte Laserstein im Städel als Polly Peachum

Die Malerin übt unverkrampft altmeisterliche Sorgfalt: Das Hundefell, über dem sich das weiße Tischtuch staucht, dessen weiche Faltenquadrate dokumentieren, dass es sonst im Wäscheschrank liegt (kein Abend wie jeder andere); das Seidenkleid der Frau rechts, das weniger changierende Kleid der Frau links, die matten Strumpfhosen. Das Kleid der Frau in der Mitte ist so gelb, dass man etwas hineinlegen will in der gedeckten Umgebung (unterm bedeckten Himmel). Ist da ein Unbehagen an einem „Abend über Potsdam“ 1930 mitten in Deutschland – vor historischer preußischer Kulisse –, bei dem intelligenten Menschen einmal die Worte fehlen können? Sind sie einfach erschöpft, weil sie getrunken haben?

Zwei Jahre später, 1932, malt Lotte Laserstein sich selbst als aufgebrezelte, dabei mit dem typischen skeptischen Laserstein-Blick durchs Federboageflimmer blickende Polly Peachum an der Seite eines düsteren Mackie Messer. „Mackie Messer und ich“ heißt das Bild, aber man hätte die Malerin ohnehin erkannt, aber der Titel ist eine Stellungnahme. Ein Jahr später sind die Nationalsozialisten an der Macht und verbieten die „Dreigroschenoper“, die der Weimarer Republik den größten Erfolg und die größte rechtsextreme Randale beschert hat. Die großartigsten Bilder Lasersteins, lässt sich sagen, verbinden ihre individuellen Qualitäten mit einer eigenwilligen Reaktion auf die Zeitläufte. „Die Unterhaltung“ dreier lebhafter junger Männer von 1934, neben dem „Abend über Potsdam“ ein weiteres Großformat, findet wie von ungefähr auf einem Dachboden statt. Das kommt Lasersteins Sinn für Kompositionen in Braun entgegen, aber energische Meinungsäußerungen suchen sich inzwischen auch eine verborgene Ecke.

Die Malerin Lotte Laserstein, die sich ihrerseits wiederum drei Jahre später nach Stockholm retten kann – eine dortige Ausstellung gibt ihr die Möglichkeit, auch Bilder wegzubringen, dann reist sie einfach nicht mehr zurück, aber was heißt hier: einfach –, sei nicht ganz so vergessen, wie es selbst vielen Kunsthistorikern erscheine, betonen Alexander Eiling und Elena Schroll. Für das Frankfurter Städelmuseum haben sie auf der galeriehaft eingeteilten Ausstellungsfläche der Graphischen Sammlung die Schau „Lotte Laserstein. Von Angesicht zu Angesicht“ kuratiert. Ja, es ist die erste Laserstein-Einzelausstellung in Deutschland außerhalb von Berlin, wo zuletzt 2003 eine Retrospektive zu sehen war. Aber es gab diese Berliner Retrospektive, es gab in den achtziger Jahren eine Ausstellung in London (die Laserstein noch erlebte), es gab und gibt Ausstellungen in Schweden. Laserstein, sagen Eiling und Schroll, sei mit 35 Jahren zwar schon erfolgreich, aber noch nicht etabliert genug gewesen, als 1933 der (neuerliche) Bruch ihrer Biografie erfolgte. Die wenigen von öffentlicher Seite angekauften Bilder hingen nicht prominent genug, um sie als Teil der Entartete-Kunst-Beschlagnahmungsaktionen sichtbar zu machen.

Umso bemerkenswerter, dass sie ihren Weg ging. Eiling und Schroll zeigen große Unlust, sie als Opfer zu betrachten. Letztlich, betonen sie, handele es sich um eine mehrfache Erfolgsgeschichte. Ein Mädchen, 1898 in Ostpreußen geboren, deren Vater früh stirbt und deren Mutter sich mit ihr und ihrer Schwester mit mehreren Neuanfängen an verschiedenen Orten durchschlägt. Eine junge Malerin aus der ersten Generation von Künstlerinnen, die sich problemlos akademisch ausbilden lassen kann – ein Weg, den sie mit Stolz einschlägt. Eine Mittdreißigerin, der – mit drei jüdischen Großeltern als „nichtarisch“ eingestuft – jede berufliche Grundlage entzogen wird und die in Schweden praktisch vor dem Nichts steht. Die verzweifelten Versuche, Mutter und Schwester nachzuholen, scheitern, die Schwester überlebt im Untergrund, die Mutter wird ermordet. Lotte Laserstein, die 94-jährig sterben wird, baut sich aber erneut eine Existenz auf. Sie hat ihr Erwachsenenleben lang von ihrer Malerei leben können, stellen Schroll und Eiling fest.

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