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Frankfurt Bildern mit Bildern begegnen

Das MMK3 zeigt die Finalisten zum Deutsche Börse Photography Prize und kontert damit auch Klischees.

Luke Willis Thompson, „autoportrait“
Luke Willis Thompson, „autoportrait“, 2017. Foto: Axel Schneider

Eine junge schwarze Frau. Sie hat ihr Haar geflochten, die vorn auf ihrer Brust liegenden Zöpfchen heben sich mit ihrem Atem. Einmal trägt sie eine Brille und ein weißes Shirt, dann, ohne Brille, etwas Gemustertes. Von dieser, möglicherweise, Strickjacke sieht man allerdings nicht viel, da die Kamera der jungen Frau nun noch näher gerückt ist, wenig mehr als ihr leicht zur Seite, leicht nach unten geneigtes Gesicht rahmt. Man sieht nun jeden Pickel auf ihrer Wange. Sie hebt auch mal kurz den Kopf, aber nie blickt sie den Betrachter an.

Die großformatige, doch optisch still-konzentrierte Videoarbeit „autoportrait“ von Luke Willis Thompson ist Teil einer Ausstellung, die nun im Frankfurter MMK3 die vier Finalisten des „Deutsche Börse Photography Foundation Prize“ vorstellt; der 1988 in Neuseeland geborene Thompson hat den mit 30 000 Euro dotierten Preis in diesem Jahr zugesprochen bekommen.

Sein „autoportrait“ setzt gleichsam das Thema, indem es eines aus einer Reihe in der Ausstellung vertretener Werke ist, die allgegenwärtige, auch altvertraute Bilder kommentieren, ihnen entgegenwirken, sie mindestens kritisch ergänzen sollen. Dazu muss man bei Thompson freilich wissen: Die junge schwarze Frau heißt Diamond Reynolds, im Juli 2016 wurde, neben ihr am Steuer eines Wagens sitzend, ihr Verlobter Philando Castile von der Polizei erschossen. Reynolds filmte mit, was als Fahrzeugkontrolle begann, mit einem Toten endete, und stellte das Video unmittelbar online. Doch obwohl ihr Filmdokument bei einem Prozess 2017 als Beweismittel zugelassen wurde, obwohl es die erschreckende, ungerechtfertigte Polizeigewalt bewies, wurde der Angeklagte freigesprochen.

Thompson ist es gelungen, ein Gegenbild zu schaffen zu dem im Internet vielfach geteilten Bild von Diamond Reynolds. Mathieu Asselin, einer der Finalisten, wiederum arbeitet an einem Gegenbild zum offiziellen Gesicht des Monsanto-Konzerns (vor kurzem endgültig übernommen von Bayer); andere Arbeiten von ihm sind übrigens derzeit im nur wenige Schritte entfernten Fotografie Forum Frankfurt ausgestellt.

2012 begann Asselin, Jahrgang 1973, mit seiner fotografischen Recherche. Er machte Porträts von Farmern, die von Monsanto vor Gericht gezerrt und ruiniert wurden. Von Menschen, die aufgrund von Monsanto produzierten Gifts missgebildet zur Welt kamen. Von Menschen, die schwer krank gemachte Angehörige verloren. Er dokumentiert aber auch krasse, rücksichtslose Manager-Aussagen und Knebelverträge. Im MMK3 hängen außerdem zwei kleine Bildschirme, auf denen – live – die Kursentwicklung der Monsanto- und Bayer-Aktie verfolgt werden kann.

Um visuelle Propaganda und ihre Überbleibsel, nachdem der jeweilige Oberpropagandist die Macht verloren hat, geht es dem 1978 geborenen Polen Rafal Milach. Er folgt ihren Spuren in ehemals zum Sowjet-Imperium gehörenden Ländern wie Georgien, Ukraine, Polen, Weißrussland. Er bildet zum Beispiel futuristisch wirkende Aussichtstürme ab, die nach Willen des damaligen georgischen Staatspräsidenten Micheil Saakaschwili einen Ort am Schwarzen Meer zum Luxus-Resort machen sollten. Nun steht ein unfertiger Turm in menschenleerer Umgebung. Im (Ex-)Studio eines Senders, der Saakaschwili unterstützte, liegen nur noch ein Putzlappen und ein toter Vogel. So hastig wurde das Gebäude verlassen, erfährt man im Bildtext, dass Vögel hinein-, aber nicht mehr hinausfanden aus den Räumen.

Für den Deutsche-Börse-Preis wird man als Fotokünstler aufgrund besonderer Ausstellungen oder Publikationen nominiert. Bei der Schweizerin Batia Suter, Jahrgang 1967, war das „Parallel Encyclopedia“, ein dickes Konvolut penibelst zusammengestellter, auch bearbeiteter Bilder-Fundstücke. Nur ein sehr kleiner Teil hat auf den MMK-Wänden Platz, dort fügt sich in einer Art Bilderpuzzle ein Metallhelm mit Drache zu Dürers „Rasenstück“ (in schwarz-weiß), zu einer Topfpflanze und einem Ginster-Ästchen mit Samenschoten, zu einem alten Klopfstaubsauger, zu Palmenschösslingen, Pilzen, einem Kohlkopf, einem Insekt in Großaufnahme. Die Diversität der Dinge lässt trotzdem strukturelle Ähnlichkeiten erkennen.

Es ist, als versuche Batia Suter alles Bildmaterial der Welt zu ordnen, miteinander zu verbinden, Formähnlichkeiten zu finden. Sie stellt das Künstliche neben das Natürliche, die Maschine zum Beispiel neben die Pflanze. Manchmal fallen der Betrachterin angesichts ebenso verblüffender wie zufälliger Parallelitäten dabei Schuppen von den Augen.

Noch mehr Bilder anzuschauen, kann einen also lehren, Bilder besser, mit mehr Erkenntnis anzuschauen. Es müssen nur die richtigen, in diesem Fall: die von jemand anderem gründlich überlegten sein.

 

Museum für Moderne Kunst, MMK3 (Zollamt), Frankfurt: bis 9. September. www.mmk-frankfurt.de

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