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Fotografie Was ist hier passiert?

Eine Ausstellung im Artfoyer der DZ Bank stellt die Frage, wie die Fotografie mit der Wirklichkeit umgeht.

Michael Schäfer
Michael Schäfer, ohne Titel, aus der Serie „Invasive Links“. Foto: Michael Schäfer

Einen Gastkurator hat Christina Leber, Chefin der DZ-Bank-Kunstsammlung, für diese Ausstellung eingeladen: Thomas Rietschel, ehemaliger Präsident der Frankfurter Musikhochschule, bekennt sich im Begleitheft sympathisch zu seiner Nervosität, aus dem Sammlungsbestand von rund 7500 Werken etwas zusammenstellen zu sollen, und bedankt sich für die Hilfe, die er dabei erhielt. Aber zunächst hat er ein Oberthema festgelegt, das ganz eindeutig seine Reize hat: „(An-)Sichten. Vom Umgang mit der Wirklichkeit“. Ausgangspunkt waren für Rietschel die schamlosen Lügen des US-Präsidenten – aber damit haben die fabelhaften Fotowerke, die nun im Artfoyer der DZ Bank zu sehen sind, natürlich nichts gemein. Sie fragen vielmehr danach, was wir warum als Wirklichkeit wahrnehmen, wie (leicht?) wir uns in die Irre führen lassen, wie ikonographische Bilder entstehen und reproduziert werden.

Thomas Demand etwa hat zwar nicht detailgenau, aber in wichtigen Bestandteilen eine Fotografie nachgebaut und dieses Modell dann wiederum fotografiert: Das Ursprungsbild zeigt am 15. Januar 1990 ein Büro in der gestürmten Stasi-Zentrale. Schränke sind aufgerissen, Papiere überall verstreut. Ungewiss, ob die Erstürmer nur verwüsten wollten oder auch etwas, wenn nicht gesucht, dann zumindest angesehen haben. Man kennt ganz ähnliche Bilder aus Fernsehkrimis. Demand beweist, wie wenige optische Signale es braucht, um einschlägige Assoziationen aufzurufen: lediglich eine typische Schreibtischlampe, typische Büromöbel, wild im Raum verteiltes Papier. Hinterlistig nennt er seine Arbeit nur „Büro“, als Betrachter ahnt man aber sogleich, dass sie sich auf ein spezifisches Ereignis beziehen muss.

Ein vages Gefühl der Beunruhigung

Bei einer großformatigen Arbeit der Australierin Rosemary Laing kommt zuerst das Stutzen, dann das Erkennen – und Staunen. „Bold Axminster Red Piazza“ heißt das Teppichmuster, das von Laing und ihrem Team in einem Stück Wald verlegt wurde, um sämtliche Bäume, Büsche, Steine herum. (Und dann auch wieder entfernt, keine Sorge.) „Red Piazza“ wirkt nun von fern wie ein ganz außergewöhnlicher, möglicherweise dicht blühender Waldboden.

Der Amerikaner Gregory Crewdson geht ähnlich aufwendig vor. Und arbeitet bei seinen Arrangements, wie Thomas Demand, mit Versatzstücken des kollektiven Bildgedächtnisses. Auf einer Fotografie der Serie „Twilight“ steht ein Auto auf der Straße eines ländlich und allemal amerikanisch anmutenden Orts, die Fahrertür ist offen. Ein Mann sitzt dort auf dem Fahrersitz, ungewiss, in welcher Verfassung er ist. Der Kofferraum steht ebenfalls sperrangelweit offen. Was mag passiert sein?

Das ist auch die Frage, die sich angesichts einer weiteren Crewdson-Fotografie stellt, in der ein Krankenwagen und ein Polizeiermittler-Team wegen einer toten Kuh angerückt zu sein scheinen. Optische Schlüsselreize werden hinterlistig bedient, wie Filmstills wirken diese Fotoarbeiten. Etwas scheint ihnen notwendig vorangegangen zu sein, etwas scheint folgen zu müssen – aber bei Crewdson gibt es kein Drumherum, beziehungsweise muss sich jeder Betrachter selbst für ein Drumherum entscheiden.

Nicht nur ein bloß vages Gefühl der Beunruhigung rufen die Fotoarbeiten von Michael Schäfer hervor. Für die Serie „Invasive Links“ hat er Screenshots aus sogenannten Krisengebieten nachbearbeitet und eigene Bildmotive hineinmontiert. Zum Beispiel sich selbst, mit einem weißen Plastikkaffeebecher in der Hand und leicht irritiert guckend. Oder einen jungen Mann mit Kind auf dem Arm. Auf gespenstische Weise unbeteiligt wirken die Personen im Vordergrund, während hinter ihnen gekämpft wird, Schutt sich häuft, Staubwolken ziehen.

Ein wenig irritierend sind in dieser Schau zunächst die journalistischen Fotografien Barbara Klemms, etwa von Willy Brandt, umgeben von Beratern, 1973 mit Leonid Breschnew – aber sehen diese Bilder nicht aus, als habe jemand die Akteure just so zum Tableau arrangiert? Alles kommt auf den Ausschnitt und Blickwinkel an.

Dies auch bei der Britin Helen Sear, die auf den ersten Blick nur kahle Bergrücken aufgenommen hat, deren Strukturen sich im Himmel spiegeln. Doch handelt es sich um eine feine optische Gaukelei: um Tierrücken mit unterschiedlichen Fellzeichnungen, von denen je ein Ausschnitt gegen einen passenden Himmel fotografiert wurde. Um in diesen Landschaften wandern gehen zu können, müsste man ein Insekt sein.

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