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Fotografie Jedes Lebewesen ist eine Kathedrale

Die kostbaren Fotografien des Litauers Antanas Sutkus, der den Erich-Salomon-Preis erhielt.

Sutkus-Foto
High School Children. Vilnius, 1959 Foto: Antanas Sutkus

Die Aufnahmen dieses Fotografen haben immer einen Subtext. Als Lebens-Erzählung. Der Litauer Antanas Sutkus gehört zu den großen humanistischen Fotografen Europas, ja, der Welt, ganz im Geiste Erich Salomons, dem gerade den einfachen Leuten zugetanen Fotografen der Weimarer Republik. Und er fotografiert in der Tradition von August Sander, der mit seinem Zyklus „Menschen des 20. Jahrhunderts“ Wegbereiter einer sachlich-konzeptuellen, aber zugleich empathischen Fotografie war.

Wer sich für die Menschen im südlichsten der baltischen Länder, in Litauen – mit seinen nur knapp drei Millionen Bewohnern – interessiert, bekommt tiefer lotende Auskunft aus den Fotos des in Vilnius lebenden Sutkus, geboren 1939 nahe Kaunas. Kürzlich erhielt er im Landesmuseum Berlinische Galerie den Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photographie. Tags darauf eröffnete eine Werkschau mit den berühmtem Fotos in der Galerie Argus Fotokunst. Eine Hommage, die Sutkus’ Schwarz-Weiß-Bilder in all ihren sozialen Zusammenhängen spiegelt.

Er veröffentlichte viele Foto-Bücher. Für die Aufarbeitung seines 700 000 Negative umfassenden Archivs erhielt er 2001 das Hasselblad-Stipendium. Der an der Vilniuser Universität ausgebildete Reporter dokumentiert, erfasst, erzählt so schnörkellos wie vielwissend von den Menschen seines Landes. In einer ebenso direkten wie einfühlsamen Dokumentation gelang es dem Litauer, von ihnen ein Bild zu zeichnen, das bis heute von packender Aktualität ist, trägt das baltische Land doch noch immer an der Geschichte.

Im Kalten Krieg, unter Sowjet-Herrschaft, war Sutkus’ Unterfangen nachgerade kühn. Jeder, den er fotografierte, war ihm etwas Besonderes, egal ob alt oder jung, schön oder verbraucht, attraktiv oder schmutzig und müde. Er zeigte Würde und Wesen dieser Leute. Der Berliner Fotohistoriker Enno Kaufhold schrieb, Sutkus glaube daran, dass in jedem Lebewesen eine Kathedrale stecke.

Man darf dies als Sutkus-Credo verstehen. Weder sozialistische Obrigkeit noch Kunstbürokratie wollten solche Bilder, etwa von einem Marathon durchs dunstige Vilnius, bar jeder sportpolitischen Pathetik. Auf den Fotos alte Leute, denen man die Armut ansieht, Arbeiter und Arbeiterinnen mit leeren Gesichtern nach der harten Schicht für den Aufbau des Kommunismus. Auch die Jungen Pioniere mit ihren roten Halstüchern sehen nicht eben fröhlich aus. Die Jungen mit den geschorenen Köpfen schauen etwas verkrampft in die Kamera. Solche Bilder von den Menschen in einer Diktatur, den Widrigkeiten ihres Alltags wie dessen bescheidene Freuden, entsprachen so gar nicht dem sowjetischen Ideal.

In ihrer ungeschönten, ehrlichen Sprache stießen Sutkus’ Fotos aber auch nicht auf Gegenliebe im 1990 unabhängigen Litauen, das heute EU-Mitglied ist. Der erhoffte Wohlstand nämlich lässt für zu viele Menschen auf sich warten. Also immer irgendwie gegen den (politischen) Wind gelangen Sutkus einzigartige Foto-Berichte aus der geografischen Mitte Europas, die, früher vom Westen aus betrachtet, unerreichbar fern schien. Und hätte er nicht hinter dem Eisernen Vorhang gelebt, wäre er wohl zur Agentur Magnum geholt worden.

Schon in den fünfziger Jahren begann Sutkus die Leute im Land zu fotografieren: Nachkriegszeit, die Mühen des Alltäglichen unter sowjetischen Bedingungen. Und wieder die Mühen der Ebene nach der Unabhängigkeit von der UdSSR. 1991 fotogtrafierte er den Denkmalsturz. Aber es ist keine Wutaktion, kein Vandalenakt: Ein monumentaler Lenin wird, ingenieurtechnisch minutiös geplant, per Kran vom Sockel geholt –und abtransportiert. Sachliches Ende einer Ära. Bis heute arbeitet Sutkus an seinem nicht abgeschlossenen Zyklus „Menschen aus Litauen“. Über Jahrzehnte hielt er an seiner ebenso direkten wie einfühlsamen Dokumentation fest. Er gehörte zu den Begründern der 1969 gegründeten Litauischen Fotografie-Gesellschaft. Seit 1996 ist er Präsident der neuen Gesellschaft Litauischer Kunstfotografen.

Sutkus’ Aufnahmen gingen in die Fotogeschichte ein, wurden im Westen gar zu Kostbarkeiten: 1965 weilte der existenzialistische französische Schriftsteller Jean-Paul Sartre im litauischen Nida. Wie er da über die Dünen der Kurischen Nehrung stapft, mit dem schwarzen Mantel, der schweren Umhängetasche, wohl voller Bücher, sich mit aller Kraft gegen den Wind stemmt, fast wie Barlachs Skulptur „Wanderer“. Und wie aus der Gestalt des Dichters gleichsam eine trotzige Diagonale im Raum wird – das ist Kunst. So entstehen Foto-Ikonen.

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