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Fotografie Inge Werth - eine Chronistin der 68er

Das Museum Giersch würdigt die Fotografin Inge Werth erstmals mit einer Ausstellung. Ihre Aufnahmen sind kulturhistorisch äußert aufschlussreich.

„Angela-Davis-Solidaritätskongress“
Im Sommer 1972 fand in Frankfurt der „Angela-Davis-Solidaritätskongress“ statt. Foto: Inge Werth

Hochschulreform oder Buchmessereform: Die Ausstellung liefert keine lückenlose Geschichte von 68, will sie auch gar nicht. Sie gibt Einblicke in den Geschlechterkampf, sie liefert Schlaglichter vom Generalstreik in Frankreich. Inge Werth war dabei, als in Paris der Sturm auf die Bastion des Staatspräsidenten de Gaulle geprobt wurde und für diesen bedrohliche Ausmaße annahm. Tumulte auf den Straßen.

Auch aus Frankreich versorgte Werth ihre Abnehmer mit Fotos von Barrikaden, mit Ansichten von Pflastersteinen, aufgeschichtet auf den Straßen des Quartier Latin, um sich zu munitionieren. Zu sehen sind umgestürzte PKW, bürgerliches Privateigentum, das angesteckt und ausgebrannt war. Exzesse einer Kulturrevolution. Nicht im Bild deren damalige Leitkultur: Gewalt gegen Sachen, offenbar legitim.

Inge Werth hat in sogenannten bürgerlichen und ausgesprochen antibürgerlichen Blättern ihre Fotos untergebracht – und wenn in der Ausstellung überlichtete Fotos oder unscharfe oder verrutschte Perspektiven zu sehen sind, dann kann man sich lebhaft vorstellen, wie sehr diese neue, radikal andere Sicht, noch dazu einer Frau, für äußerst lebhafte Kontroversen in den Redaktionen gesorgt haben dürfte.

Kulturhistorisch aufschlussreiche Zeitdokumente

Noch die ästhetisch nicht gelungenen Fotos sind kulturhistorisch äußert aufschlussreiche Zeitdokumente. Für die Fotos von Werth sprach die Unmittelbarkeit, irgendwann wurde auch Authentizität, einmal entdeckt, zum schlagenden Argument, da mochten die Vertreter der alten Schule oder der Foto-Akademien, noch so sehr die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Aber noch mal der Satz: Inge Werth hat in sogenannten bürgerlichen und ausgesprochen antibürgerlichen Blättern ihre Fotos untergebracht – und nicht allein die antibürgerlichen waren aggressive Kampfblätter, auch die bürgerlichen waren unbeirrbar Tendenzblätter, ob die FR oder die FAZ, in denen Werth veröffentlichte.

Die Szene konnte ein Go-In sein, Werth zeigte das was, das war ihre Stärke, unübersehbar. Anders als nicht nur mancher Leitartikel, sondern bereits die eine oder andere Schlagzeile sagten die Fotos nicht, was der Betrachter gefälligst zu denken habe, sondern worüber sich nachdenken ließe. Über Heimerziehung, über Fürsorgezöglinge.

Du erinnerst dich an die Passage in Eva Demskis „Den Koffer trag ich selber“?

Wie manche Umstürzler die „Staffelberger“, die Insassen der Erziehungsanstalt Staffelberg adoptierten. Und wie sie die ihnen anvertrauten Fürsorgezöglinge in der Öffentlichkeit „wie fremde Tiere hielten“.

Inge Werth ging es nicht um Meinungsmache, sondern um Ansichtssachen, auch zu einer Eltern-Kind-Kommune. Im Bild viel zerbrochenes Mobiliar, Kinder in offenbar bewusst nachlässig gestalteten Verhältnissen, Müll im Hintergrund. Also doch Meinungsstärke, wenn wir es recht bedenken. Trotz des offensichtlichen stoischen Blicks, wie er auch aus den wenigen Fotos über eine Gastarbeiterfamilie spricht, untergebracht in einem Westend-Haus in Frankfurt, bedroht von der Immobilienspekulation. Inge Werths so unmittelbarer wie ruhiger Blick macht eine bedrückende Ratlosigkeit als empörende Rechtlosigkeit anschaulich. Häuserkampf? Eistenzkampf!

Ohne Stativ bewegte sie sich durch die von ihr aufgesuchten Szenen, und sie tat es auf Augenhöhe mit ihren Objekten, jedenfalls in den meisten Fällen.

Du denkst an die Ausnahme Joan Baez? Zum Aufschauen.

Oder das Habermas-Foto, leicht von unten nach oben, auch so ein Fall.

In der Regel keine artifiziellen Perspektiven. John Mayall besuchte die Schülerzeitschrift „Underground“, alles brav. Albert Mangelsdorff mit seiner Posaune; Jimi Hendrix in Rückenansicht; Volker Kriegel vor einem Flokatiteppich; die Finger Jimmy Smiths auf seiner Orgel. Der Zeitgeist sprach aus Fotografien, die den Zeitgeist artikulierten.

„Experimenta“ und Buchmesse, Römerbergespräche oder die Performance des Sexgurus Otto Mühl, für die der Galerist Adam Seide seine Privatwohnung zur Verfügung stellte. In besonderer Weise schlug 68 aber die Stunde der Frauen und dazu gehörte, dass sich auch in Frankfurt und durch Frankfurt die Frauen anders bewegen, lockerer, legerer, selbstbewusster, auch herausfordernder. „Das Weib sei willig, dumm und stumm,/ Diese Zeiten sind jetzt um.“

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