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Fotografie Inge Werth - eine Chronistin der 68er

Das Museum Giersch würdigt die Fotografin Inge Werth erstmals mit einer Ausstellung. Ihre Aufnahmen sind kulturhistorisch äußert aufschlussreich.

„Angela-Davis-Solidaritätskongress“
Im Sommer 1972 fand in Frankfurt der „Angela-Davis-Solidaritätskongress“ statt. Foto: Inge Werth

Welch’ ein Wir-Gefühl, legendär. Wir dagegen nehmen bloß unseren Golf, Generationen bedingt, auf dem Weg in eine andere Zeit, damals. So geht es uns durch den Kopf, auf unserer Anfahrt – auf unserer Zeitreise in eine Aufbruchzeit. „Alle Türen offen“: auch das eine damals oft gehörte Devise.

Wir dagegen öffnen das Schiebedach, auf der Fahrt in die Zeit, die Inge Werth festgehalten hat, auf tausenden Fotografien eine Umbruchszeit, seinerzeit. Rund 100 Schwarzweißaufnahmen sind jetzt im Museum Giersch zu sehen, in einer der hocheleganten Gründerzeitvillen in Frankfurt, direkt am Main.

Welch’ ein wohltuendes Gefühl, hier. Denn durch Jugendstiltüren, über Parkett und eine Holztreppe erreichen Besucher oder Besucherin die Ausstellung – um vor einem großformatigen Foto zu stehen, aufgezogen an der Stirnwand des Vorraums. Von hier aus der Zutritt zu der Promenade: „Paris, Frankfurt am Main und die 1968er Generation“. Es ist kein Foto, das vor den Kopf stößt. Denn die Protagonisten scheinen unsicher.

Wenig revolutionäre Haltung

Die Protestierenden wissen nicht so recht, auch wenn die Abgebildeten ein Transparent tragen, auch wenn sie Solidarität mit der amerikanischen Politaktivistin Angela Davies versprechen, auch wenn sie „Freiheit (für) alle politischen Gefangenen“ fordern. Einige der Abgebildeten haben die Hände in den Taschen. Eine wenig revolutionäre Haltung. Einer hält eine Aktentasche wie ein Anhängsel am Arm, irgendwie überflüssig geworden, braves, blödes, bürgerliches Utensil. Einige schauen nach rechts, lachen, da muss, außerhalb des Bildes, etwas sein. Was da amüsiert, bleibt ein Geheimnis.

Ein Schnappschuss. So sehr Akteure und Aktivisten ihrer Sache (Freiheit, selbstbestimmtes Leben) sicher waren, da war noch was. Dass das Foto das auch heute, nach 50 Jahren zeigt, spricht für das Foto. Die entschlossene Generation zeigt sich als innehaltende Gemeinschaft. Es ist ein ikonografisches Bild in einer Chronik nicht nur der laufenden Ereignisse, des Anrennens, des Ansturms, sondern der Irritation. Was tun?

Für die Fotografin Inge Werth, die 1968 bereits 37 Jahre alt war, ist es die erste museale Präsentation. In den kleinen Kabinetten der Ausstellung sind die Aufnahmen an grauen Wänden befestigt, die Abzüge nackt angebracht worden, ohne Rahmen, ohne Passepartout. Sieben Stationen umfasst die Ausstellung, angefangen mit einem Kapitel aus der Vorgeschichte von 68, der Ostermarschbewegung. Zur Veranstaltung auf dem Frankfurter Römerberg, zur Demonstration gegen den Vietnamkrieg und nicht nur diesen Krieg, reiste auch Joan Baez an.

We shall overcome.

Das war der Plan.

Inge Werth zeigt die Frau als das edle Gesicht der Antikriegsbewegung, als Ikone der Friedensbewegung, mit großen Augen, besorgt, eine Spur verängstigt, auch hier liegt die Ursache der Emotionen außerhalb des Bildes. Aber der Kontext ist doch vollkommen präsent. Da war noch was.

Die Generation 68 hat es der Vorgängergeneration schwer gemacht. Inge Werth hat allerdings die Vorbilder aus einer anderen Vätergeneration immer wieder gezeigt, den 1968 70-Jährigen Herbert Marcuse oder den 62-Jährigen Wolfgang Abendroth. Auch abgebildet ist Heinrich Böll, Jahrgang 1917, der sich bekanntlich von den antibürgerlichen Affekten radikaler 68er nicht einschüchtern ließ, sondern zivile Umgangsformen und Bürgerlichkeit lebte.

Das würde ich noch differenzierter sehen.

Dann aber mal raus mit der Sprache!

Na, man denke nur an die kölsche Mentalität als subversivem Element.

Ebenfalls abgebildet Jürgen Habermas, Jahrgang 1927. Am 12. 12. 1968 steht er am Pult, in einem überfüllten Hörsaal, in einer aufgeladenen Atmosphäre. Das Foto zeigt, wie er mit der linken Hand argumentiert, so entschieden wie zugleich beschwichtigend. Habermas‘ Kommunikationsangebot appellierte in einer auf Krawall gebürsteten Atmosphäre an die Vernunft, plädierte für die Fortsetzung des Wissenschaftsbetriebs. Wie er da leicht verkrampft stand, stand er gegen ein Autodafé der Aufklärung ein, gegen die Bildungsstürmerei durch den wild gewordenen Kleingeist von Umstürzlern.

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