Lade Inhalte...

Fotografie Hochästhetischer Alltag

Die Fondation Beyeler präsentiert eine umfangreiche Ausstellung aus dem Werk des Fotografen Wolfgang Tillmans.

Nite Queen
„Nite Queen“, 2013. Foto: Galerie Buchholz, Berlin/köln; Maureen Paley, London; David Zwirner, New York

Im allerersten Moment wirkt die Präsentation womöglich ein wenig wahllos: Einige Bilder sind groß, andere klein, mal hängt eines oben, andere hängen mittig oder weiter unten. Einige sind gerahmt, andere mit Tesafilm auf die Wand geklebt. Manchmal sind weiße Ränder auf dem Fotopapier, dann wieder nicht. Manche Bilder sind glänzend, andere matt abgezogen, einige sind schwarz-weiß, andere bunt. Vor allem aber sind es die Motive, die zunächst ziemlich heterogen wirken: Ein unscharfer Rückenakt hängt mit der Detailabbildung einer Druckerwalze und dem zu opulenter Größe aufgeblasenen Foto einer „missratenen“ Schwarzweißkopie an der Wand, die einen Zuschauerraum zeigt. Stillleben werden mit Porträts kombiniert, Landschaftsaufnahmen mit Bildern, die ohne Linse in der Dunkelkammer entstanden sind und chemische Prozesse abbilden. Hat man sich jedoch erst eine Weile durch die umfangreiche Ausstellung von Wolfgang Tillmans bewegt, die jetzt in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen ist, scheint das alles einer inneren Logik zu folgen. 

Plötzlich ergibt vieles einen Sinn. Wobei nie ganz klar ist, wie viel Sinn man selbst den Bildern und ihren Zusammenstellungen gibt. In der Regel sind die Motive und ihre Konstellationen offen genug, dass man als Betrachter seine Erfahrungen in die Interpretation mischt. Tillmans Bilder triggern das Gehirn. Ist es ein Baum, der sich in der öligen Oberfläche eines kalt gewordenen Tees spiegelt? Oder ist es nur eine Projektion, die man in eine Kontur hineindenkt? Kaum je ist das, was man sieht, völlig eindeutig, meist birgt es ein Geheimnis. Warum liegen auf dem Kopf des Mannes lauter Steine? Warum denken wir dabei gleich an Geschwüre? Warum wirkt das dunkle Kleidungsstück, das scheinbar achtlos auf das hellere gelegt wurde, wie ein wildes Tier? Hat der Künstler eine zufällige Konstellation abgebildet oder hat er lange an der Komposition gefeilt? 

Tillmans will nicht, dass wir genau wissen, wie, wo und warum ein Bild entstanden ist. „Die W-Fragen interessieren mich nicht“, sagt er. Mal sei eine Situation zufällig gefunden, mal nicht. So sei es nun mal im Leben. Tillmans will, dass wir die Bilder fühlen. Und dass wir über sie nachdenken. Darüber, warum wir in ihnen sehen, was wir sehen. Auf welcher Prägung das beruht. Warum wir etwas schön oder beruhigend finden. Wie das Licht fällt in diesen Bildern, und wie es aussieht, wenn sich ein Mann einen Splitter aus dem Fuß zieht.

Die Darstellung von Alltag sei übrigens nicht sein Thema, erzählt der Künstler, immer wieder werde er da missverstanden. Was er zeige, sei doch alles andere als alltäglich. Womöglich habe diese Hose noch niemals auf dieselbe Weise auf diesem Treppenknauf gehangen. Und diese zwei weißen LKW, die zur selben Zeit über zwei hintereinander liegende Brücken in entgegengesetzte Richtungen fahren – das sei doch wohl kaum alltäglich. Seine Stärke sei es vielmehr, dass er die Besonderheit einer Situation bemerke. Tillmans kann einfache Dinge in etwas Einzigartiges verwandeln. Gesten. Freundschaft. Schweiß, der den Körper hinabrinnt. Er zeigt uns, wie es aussieht, wenn jemand in der Öffentlichkeit telefoniert, und wir spüren die Situation fast schon körperlich. 

Zwölf Räume sind in der grandiosen Ausstellung zu sehen, jeder ist auf vertrackte Weise so komponiert, dass das Gesamtbild zugleich zwingend und zufällig erscheint. Die rund 200 Werke stammen aus den vergangenen 30 Jahren, Chronologie spielt jedoch keine Rolle. Die Räume funktionieren wie Erinnerung. Hier und da blitzt etwas auf, mal ganz klar und deutlich, mal verschwommen. Situationen erinnern an andere Situationen, und manchmal ist es bloß ein Gefühl, das ungreifbar bleibt. Wolfgang Tillmans, das sieht man in diesen Bildern überdeutlich, liebt die Menschen und die Welt. Er ist neugierig, und er hat keine Angst – weder vor Peinlichkeiten, noch davor, herumzuexperimentieren. Für „window shaped tree“ – ein großes Tableau, das einen grünen Baum zeigt, hat er zum Beispiel ein Schwarz-Weiß-Negativ mit einer roten Filtrierung vergrößert. Das Bild ist grün, doch nur wer richtig hinsieht, entdeckt, dass das vermeintlich Natürliche Ergebnis einer Manipulation ist. „Ich frage mich stets: Was sehe ich wirklich und was will ich sehen? Und wodurch wird das beeinflusst? Vor zwanzig Jahren haben wir noch einen Marokkaner gesehen, heute sehen wir einen Moslem. Und das hier zum Beispiel ist doch kein Baum. Es ist Tinte auf Papier.“

Bekannt wurde Tillmans in den neunziger Jahren mit heute zum Teil ikonischen Bildern junger Menschen, die vom Lebensgefühl einer Generation erzählen. Tillmans war Teil der Technoszene. Man nahm Drogen, feierte, fühlte sich frei. Heute hätten die jungen Leute so eine Härte entwickelt, sagt er. Sie separierten sich, statt zusammenzukommen. Über die Jahrzehnte hat der Künstler eine ganze Reihe von Themengruppen und Serien entwickelt, zu denen Faltenwürfe ebenso gehören wie die „paper drops“, für die er fotografisches Hochglanzpapier so umschlägt, dass sich ein Ende auf das andere legt und in der Mitte eine Tropfenform entsteht. 

Es sind hochästhetische Bilder, die zugleich, wie alle Werke Tillmans’, danach fragen, was genau ein Bild ist und was es bedeutet. Fast alle seiner Werke erforschen auf die eine oder andere Weise das Licht, ob künstliches oder natürliches. Licht, das wir nicht selten ignorieren, wie die diagonalen Lichtbahnen, die aus dem Kopierer kommen. Die seltsamen Lampen in Industriegebäuden. Sonne, die durch ein Fenster scheint. Eine ganze Reihe von Bildern zeigt sanft schlängelnde Linien, die eine fast schon kitschige Poesie entfalten und vom Künstler ohne Kamera mit Hilfe von Licht direkt auf das Fotopapier gezeichnet wurden. Das Assoziationsspektrum reicht vom Mikro- bis zum Makrokosmos, Haare, Fasern, Muskeln, Spermien – alles scheint darin auf wundersame Weise enthalten zu sein.

Auch politisches Engagement spielt in den Arbeiten von Tillmans seit den Anfängen eine wichtige Rolle. In der Ausstellung ist dieser Aspekt seines Œuvres durch einen Raum präsentiert, der Aufnahmen zeigt, die während einer Protestaktion der Bewegung „Black Lives Matter“ in New York aufgenommen wurden. Einmal ist es nur eine erhobene Hand, die man sieht, ihre Linien machen sie zu einem einzigartigen Kosmos.

Immer wieder integriert Tillmans Fehler in seine Bilder, etwa die schwarzen Streifen auf einem Motiv, die auf einen Lichteinfall bei der Behebung eines Papierstaus zurückzuführen sind. Oder auch: Risse, Knicke, Kratzer – Spuren, die das Leben hinterlässt und die zeigen, wie komplex unser Dasein auf dieser unfassbaren Welt ist.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum