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Fotografie Forum Frankfurt Menschen am Fluss

Auf den Spuren von Inge Morath: In Frankfurt sind acht Fotografinnen auf „Donaureise“ zu sehen.

Lurdes R. Basolí: "Maria - I"
Lurdes R. Basolí: "Maria - I", 2014. Foto: Fotografieforum Frankfurt

Im Jahr 1955 wurde die gebürtige Österreicherin Inge Morath als erste Frau in die berühmte Fotoagentur Magnum aufgenommen. Drei Jahre später ging die inzwischen in den USA Lebende auf eine Fotoreportage-Reise entlang der Donau; es sollte nicht ihre letzte entlang des großen Flusses bleiben. Morath fotografierte Jungen, die am Ufer nahe Smederevo, Jugoslawien, in Badehose herumtollen. Einen VW-Käfer und aufs Wasser blickende Frauen nahe Wien. Frauen in Tracht in Siebenbürgen. Rumänische Musiker vor einem Haus. Einen Eselskarren am Razim-See. Es sind Schwarz-weiß-Fotos, die sich dem Alltag in einem durch den Eisernen Vorhang geteilten Europa widmen. Im Westen wächst der Wohlstand. In hübschen Kleidern und entspannt liegt man unter schattigen Bäumen.

Einige Donau-Bilder der großen Magnum-Fotografin hängen nun im Fotografie Forum Frankfurt, in einer Ausstellung, die in erster Linie den Werken von acht Dokumentarfotografinnen – allesamt Preisträgerinnen des Inge Morath Awards – gewidmet ist: „Donaureise – Auf den Spuren von Inge Morath“ ist der Titel der Schau. Unter anderem eine Crowd-Funding-Kampagne machte 2014 die Reise der aus unterschiedlichen Ländern stammenden Frauen bis ans Schwarze Meer möglich. Ganz in der Tradition Moraths haben alle Fotografinnen das Alltagsleben der Flussanwohner abgebildet – doch trotz des gemeinsamen Themas eine jeweils eigene, charakteristische Handschrift entwickelt.

In Schwarz-Weiß ist die Australierin Claire Martin den „River Boys“ gefolgt, Sinti- und Roma-Jungs, die sich lümmeln, aus dem Stand einen Salto schlagen, ein scheuendes Pferd am Halfter halten. Auf einer ihrer Fotografien sind nur hauchzarte Gräser zu sehen gegen den Himmel, auf einer anderen ein Schwein vor einem Holzschuppen.

Wie Inge Morath einst, hat auch die Amerikanerin Emily Schiffer versucht, das Wasser und seine Fließmuster gleichsam zu porträtieren: In Schwarz-Weiß strudelt, kreiselt und schäumt es unter anderem in einer ungarischen Abwasserreinigungsanlage. „Carrying history“ nennt Schiffer außerdem eine Farbfotografie-Serie, für die sie die Menschen Zuhause aufgesucht hat. Ein aufmerksames Kleinkind liegt auf einem Wickeltisch. Eine Frau deckt den Esstisch. In einem verfallenden Haus stehen noch Bücher im Regal.

„In and out of love“ hat die Britin Olivia Arthur ihre Donau-Serie überschrieben: Gehören die weißen Schuhe auf einem der Bilder einer Braut? Werden die Sitzreihen am Ufer für eine Hochzeit vorbereitet? An wen denkt der rauchende junge Mann, mit wem spricht die telefonierende junge Frau? Und springt ein Mädchen vor dem Haus eines Automobilclubs in die Luft, weil es verliebt ist? Das von einem großen rosa Badetuch umhüllte Paar ist eindeutig „in love“.

Lurdes R. Basolí hat vor allem Frauen im Blick gehabt: bei einer Bootsfahrt, schlafend im Park, beim nonchalanten Wickeln eines Kindes mitten auf einer trocken-gelben Wiese. Die Spanierin, die bereits über Gewalt (Serie „Caracas“) und Tschernobyl arbeitete, war eine der Initiatorinnen des Donau-Reiseprojekts.

Die Mexikanerin Claudia Guadarrama entdeckte dabei nach eigener Aussage „die alte Welt, jenseits der Klischees und bereichert durch das Unerwartete und den Zweifel“. Auch sie hat das gänzlich Unspektakuläre festgehalten, zwei Männer in einem See (er muss flach sein, sie stehen), einen tropfensprühenden Hund, einen Angler vor einem rostigen Kahn, eine Nonne auf einer Treppe – womöglich eine Nonne auf einer Treppe, denn die Bilder Guadarramas lassen sich oft nicht bis ins Letzte entziffern. Sie sind außerdem, wie viele der ausgestellten Arbeiten, ein Stück weit ihrer Zeit – 2014 – enthoben, hätten auch schon von Inge Morath ganz ähnlich festgehalten werden können. Oft müsste man nur die Kleidung ein wenig verändern.

Bei der Amerikanerin Ami Vitale sind die Dinge angeblich in Bewegung – „In Motion“ heißt ihre Fotoserie. Aber das kann ein Sonnenuntergang in zarten Farben ebenso sein wie ein Esel, der sich, lustvoll, möchte man meinen, auf dem Rücken wälzt. Ein Mann sitzt in einer Art grünen Grotte mit Tümpelchen; auch das ein rätselhaftes Bewegungs-Bild.

Mit Spiegelungen, möglicherweise Doppelbelichtungen hat Kathryn Cook gearbeitet. Dunkel- und Ungewissheiten herrschen in ihrem Wald („The Black Forest“ hat sie ihre Bilder überschrieben), Münzen kleben scheinbar an einer Baumbarke, ein Reh huscht, ein Schwan gleitet, Fichten und Himmel erscheinen gedreht. Märchen könnten dort spielen.

Die fotografische Reise der Frauen besticht durch die Vielfalt der Blickwinkel und Originalität der Ausschnitte. Zum Zug kommen Donau- wie Stadtlandschaften, kommen Tiere und Menschen am, im, auf dem Fluss. Schiffer und Touristen sind unterwegs. Menschen sitzen im Liegestuhl und lassen den großen Fluss vorüberziehen. Am Wasser scheint das Leben einerseits entspannt(er), aber sichtbar werden auch Kargheit, Armut, bedrängte Lebensumstände. Spürbar bleibt die Grenze zwischen Ost und West.    

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