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Fotografie Forum Frankfurt Die einsame Nickelbrille

Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt den frühen Avantgardisten Jaromír Funke und junge Künstler der tschechischen Opava School.

Zuzana Vesela
Zuzana Vesela, „From the Fantasma series“. Foto: Zuzana Vesela

Das Frankfurter Fotografie Forum blickt mit seiner jüngsten Ausstellung einerseits ein gutes Stück zurück auf eine Zeit, in der die Fotografie Einflüsse des Kubismus, der Neuen Sachlichkeit, des Konstruktivismus und Surrealismus aufnahm und in dem noch relativ neuen, noch auf Schwarz-Weiß beschränkten Medium umzusetzen versuchte. Blickt andererseits aber auch voraus, indem elf Studierende des tschechischen Instituts für kreative Fotografie in Opava – man nennt sich schlicht Opava School – ungefähr die halbe Ausstellung bestücken. Diese zeitgenössischen Arbeiten sind von großer Vielfalt, manche Projekte gingen über Jahre und zeugen von bereits hohem Können wie auch Beharrlichkeit.

Überschrieben aber ist die Ausstellung im Fotoforum „Jaromír Funke, Fotograf der Avantgarde“. Funke wurde 1896 in Ostböhmen geboren (schon 1945 starb er), dem Zwölfjährigen schenkt der Vater, ein Rechtsanwalt, eine Kamera. Er studiert Medizin, dann Jura, dann Philosophie und Kunstgeschichte, alles ohne Abschluss. Aber schon mit Mitte zwanzig entstehen erste Stillleben, stellt Funke in Prag aus, schreibt er auch theoretische Texte zur Fotografie. Anfang 1925 wird er in die tschechische fotografische Gesellschaft aufgenommen. Seine Serien heißen „Abstrakte Fotos“ oder „Glas und Spiegelungen“, was Hinweis auf Stil und Inhalt der Bilder gibt.

Auf „Abstraktes Foto – Komposition“ (1927-29) zum Beispiel erkennt man aufgestellte Rechtecke, es könnte Pappe sein, darauf die Schatten von, möglicherweise, eckigen Flaschen mit Stöpsel. „Einsamkeit und Brille“ (1924) zeigt genau das: eine einsame Nickelbrille. „Teller I“ matt glänzende Zinnteller. „Orangen“ zwei dieser Früchte mit, nun ja, Orangenhaut. Auf „Spirale“ ist ein ebenfalls in Licht und Schatten zart leuchtender Schlauch zu sehen, wie man sie heute für Duschen hat. Mal positionierte Funke Muschel und Seestern, mal einfach die Ecken von Bilderrahmen. Mal auch, wie es damals nicht nur von ihm gern gemacht wurde, nackte Frauen so, dass Bildaufbau und Struktur in den Vordergrund rücken – der (weibliche) Körper als geometrisches statt erotisches Spielmaterial.

Funke war das Gegenteil eines Reportagefotografen, das Spontane, Natürliche hat ihn nicht interessiert. Seine Menschen sind sorgfältig positioniert in einer Gesamtkomposition, Gegenstände sind ausgewogen angeschnitten. Dinge und Gebäude hat er in Schräglage gebracht; etwas, das später um eines dynamischen Effekts willen in der Werbe- und Theaterfotografie auftauchte. Allemal war der Tscheche ein entschlossener Avantgardist.

Die Studierenden der Opava School beeindrucken auf jeweils ganz individuelle Art. Jan Langer zum Beispiel hat hundertjährige Tschechen fotografiert, daneben steht immer ein Jugendbild von ihnen. Erstaunlich, wie man plötzlich den jungen Menschen im alten zu sehen vermag. Anna Grzdenska zeichnet in „Julia wannabe“ die Entwicklung ihrer Tochter im Alter zwischen 9 und 16 Jahren (Baumhaus, Bad) hinreißend nach. Jan Brykczynski hat ein Dorf in den Karpaten besucht, dort eine Beerdigung oder das Schlachten eines Tieres fotografiert. Tereza Vlcková führt aufs Glatteis, indem sie, „Paare“ heißt die Serie, Zwillingskinder fotografiert oder aber Einzelkinder, um dann einen „Zwilling“ ins Bild zu kopieren. Daniel Polácek ist für sein Projekt „WEBsadFaces“ im Internet reichlich fündig geworden: Er zeigt lauter Menschen, die trüb und traurig gucken, ihre Miesepetrigkeit oder Melancholie wahrscheinlich in den meisten Fällen als Selfie reingestellt haben.

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