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Fotografie-Forum Frankfurt 100 Jahre Leica-Fotografie

Die Ausstellung „Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie“ im Fotografie Forum Frankfurt ist allumgreifend. Denn eine Kamera hält fest, was passiert, und hilft der Fotograf nicht nach, tut sie das in der ganzen Brutalität der Wirklichkeit.

Sidewalk (1995). Foto: Jeff Mermelstein / Leica Camera AG

Die Distanzlosigkeit ist verblüffend und zunächst schrecklich intim. Wer das Erdgeschoss des Fotografie Forums Frankfurt betritt, sieht sich als erstes sechs Frauengesichtern gegenüber, die den Betrachter mehr anzustarren scheinen, als er es sonst von einem Bild gewohnt ist.

Der amerikanische Fotograf Bruce Gilden hat die Frauen in seiner 2013er Serie „Portraits“ so nah an seine Linse herangeholt, dass man jedes noch so kleine Fältchen und Pickelchen erkennen kann. Von Nahem wirken die Haare strähnig, der Lidstrich ist verschmiert und die Frauen können das Leben, das vor und hinter ihren Augen vorbeigezogen ist, so gar nicht mehr verstecken. Nichts ist beschönigt, nichts ist schön, willkommen im wahren Leben.

Denn eine Kamera hält fest, was passiert, und hilft der Fotograf nicht nach, tut sie das in der ganzen Brutalität der Wirklichkeit. Kann ein Gemälde der Wirklichkeit widersprechen, einer Fotografie gelingt dies nicht so ohne weiteres.

Und so groß die Gesichter auf den Fotos und ihre Geschichten, so groß ist auch die Geschichte der Kamera, die sie eingefangen hat. Zwar ist allen Fotoapparaten gemein, dass sie es ermöglichen, die Zeit an- und damit die Geschichte festzuhalten.

Die Kamera nahm die Last

Doch die „Leica“, 1914 vom Feinmechaniker und Amateurfotografen Oskar Barnack entwickelt, läutete eine neue Zeit der Fotografie ein. Die Minikamera, die Barnack, damals noch Mitarbeiter bei Ernst Leitz Wetzlar, aufgrund des Ersten Weltkrieges erst 1925 präsentierte, war eine Revolution. Sie entband die Profi- und Amateurfotografen von der schweren Last der großen Apparate und damit der Statik. Das Fotografieren wurde – im Wortsinn – leichter und dynamischer, ab diesem Zeitpunkt konnte jeder die kompakte Kamera zu jeder Zeit bei sich tragen und alles auf Papier bringen.

Anlässlich des 100. Geburtstags der Leica Camera AG 2014 hat der Schriftsteller und Publizist Hans-Michael Koetzle eine Ausstellung konzipiert, die nicht nur der Leica alle Ehre macht, sondern auch dokumentiert, was die Menschen in der Vergangenheit schufen und zerstörten.

Von den ersten Versuchen Oskar Barnacks mit dem Gerät, über die Kriegs- und Trümmerfotografie des Zweiten Weltkrieges, hin zu Mode- und Reportageaufnahmen zeigt die Schau nicht nur die Leistung der Technik und jener, die sie zu bedienen wussten, sondern auch das Leben der vergangenen 100 Jahre in all seinen Facetten. Dabei hat die Schau den Charme, so leicht das Zeugnis der Zeit abzulegen, wie die Fotografen ihren Finger auf dem Auslöser der Miniaturkameras hatten.

Von Bildern des in Trümmern liegenden Deutschland in Schwarz-Weiß, zum Beispiel von Eva Kemlein, bis hin zum frühen Porträt einer hinreißenden Kate Moss von Paolo Roversi (2001) nimmt die Ausstellung die Besucher mit auf eine Reise durch die Zeit. Und auch der Blick durch die Kamera ist subjektiv, das zeigt sich besonders unter dem Titel „Fotografierende Autoren“, welcher die Jahre von der Nachkriegszeit bis heute umfasst.

Die Fotografen arbeiteten besonders in den Boomjahren der 50er für Hochglanzmagazine, jeder versuchte dabei, eine eigene Handschrift zu erlangen, unverwechselbar zu werden. Die Bedeutung der Leica in der Geschichte, nicht nur in der der Fotografie, wird dem Betrachter besonders dann bewusst, wenn er zwischen den vielen Fotos jene entdeckt, die um die Welt gingen: Robert Lebecks „Der gestohlene Degen“ (1960), Alfred Eisenstaedts „V. J. Day“ vom 15. August 1945, auf dem ein US-Matrose leidenschaftlich eine Krankenschwester küsst, oder das erschreckende Zeugnis eines Napalm-Angriffs auf Zivilisten in Vietnam 1972 von Nick Út.

Da es in der Schau aber nur ein Nebeneinander der Bilder gibt, kein wichtig oder unwichtig, bleibt es letztlich dem Besucher zu entscheiden, was ihn am meisten beeindruckt, der Krieg oder doch die faltigen Gesichter.

Fotografie Forum Frankfurt: bis 31. Mai. Das Buch zur Ausstellung ist im Kehrer Verlag erschienen, 576 Seiten, 98 Euro. www.fffrankfurt.org

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