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Fotografie Die Wartburg an der Waschstraße

Der Fotograf Jörg Gläscher besucht in „LutherLand“ das Christentum im Reformationsland.

Sankt Peter Ording
Aufblasbare Kirche, Drachen und Kite Festival, Sankt Peter Ording. Foto: Jörg Gläscher

Mitteldeutschland: Kernland der lutherischen Reformation. Wittenberg, die Wartburg, Erfurt und Eisleben, Mühlhausen und Mansfeld, das sind für die Reformationsgeschichte zentrale Orte. Zugleich aber: Mitteldeutschland, eine der am meisten entkirchlichten Regionen Europas. Auch diesen Spannungsbogen macht das Reformationsjubiläum sichtbar, wie gewollt oder ungewollt auch immer: Vor 500 Jahren war Wittenberg etwa eine kleine, randständige, aber aufstrebende Universitätsstadt, aus der das „protestantische Rom“ werden sollte; heute ist Wittenberg als vielfach wieder aufgehübschte Stadt touristischer Hauptpilgerort für Luther-, Melanchthon-, Cranach- und überhaupt an Welt- und Religionsgeschichte Interessierte – und einer der vielen vor allem eben ostdeutschen Orte, an dem sich das stete Schwinden des gelebten christlichen Glaubens beobachten lässt.

So jedenfalls will es die allgemeine, schnelle Wahrnehmung, sie darf sich dabei durchaus auf empirische Befunde stützen. Zur anderen Seite der empirischen Wahrheit gehört allerdings auch, dass es gerade in Ostdeutschland viele Glaubensenklaven gibt, ein bunter, wachsender Strauß an Religionspraktiken. Das Christentum wird zur Minderheit – und zugleich vielfältiger, unübersichtlicher. Ein offener, unabgeschlossener Transformationsprozess.

Auf einem Bild des Fotografen Jörg Gläscher, entstanden im Juli 2016, ist aus großer Entfernung die Schlosskirche von Wittenberg abgebildet. Im Vordergrund das Elbufer, neben der Kirche Baukräne. Die Inschrift am Turm, Luthers Liedvers „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen“, ist aus der Distanz nicht zu lesen. Die historische Bedeutung dieser Kirche, an deren Tür der Legende nach Luther 1517 seine „95 Thesen“ angeschlagen haben soll, wirkt verkleinert – die Baukräne, aufgestellt im Rahmen von Sanierungsarbeiten, beanspruchen dieselbe Aufmerksamkeit. Das ist ein schönes Symbolbild: Gezeigt wird keine blankpolierte, durchsanierte Reformationsstätte, sondern eine Kirche im Umbau. Keine schillernde Erinnerungshochburg, sondern ein renovierungsbedürftiger Glaubensort. Ähnlich gegenwartsnah und widerspruchsreich das Bild der Wartburg: im Vordergrund ist eine Tankstelle samt Waschstraße („ab 4,99“) zu sehen.

Mit einem Arbeitsstipendium ist der 1966 geborene Fotograf Jörg Gläscher durch die Reformationsgegenden gezogen und hat für seine Sammlung „LutherLand“ Bilder heutiger Christlichkeit gesammelt. Er zeigt Menschen auf dem Musikfestival „Freakstock“ in Allstedt, eine Hochzeitsgesellschaft in Blankenburg, eine baptistische Taufe in Leipzig, eine Weihnachtsfeier im Landeskirchenamt Erfurt, einen Gottesdienst auf einem Rummelplatz. Nie machen es sich diese Fotografien einfach: Sie sind frei von jeder Herablassung und Häme, nirgends flüchten sie sich in Voyeurismus, nie auch in einen missionarischen Gestus. Gläscher beklagt weder einen (vermeintlichen) Niedergang noch bedient er jenen atheistischen Triumphalismus, der in der Religion nichts als schiere Rückständigkeit zu erkennen glaubt. Er zeigt so intime wie brüchige Glaubensinseln als Orte mitten in der Welt, nicht am Rand, nicht außerhalb von ihr.

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