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Fotografie Blümchenblusen, Schattenrisse

Glücksfund: Vivian Maiers Straßenfotografien aus der Sammlung Maloof im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Fotoschau Vivian Maier
New York im Juni 1954. Foto: Vivian Maier/John Maloof Collection

Es war die Entdeckung des Jahres 2009. Als das einstige Kindermädchen Vivian Maier, Jahrgang 1926, in New York gestorben war, fand man in Kisten ihrer bescheidenen Single-Wohnung und zwischen Gerümpel auf dem Dachboden mehr als 150 000 Fotografien, Kontaktabzüge und darunter auch etwa 6000 Negative, aufgenommen seit dem Jahr 1943 mit einer Rolleiflex und etliche, dann in den siebziger Jahren, auch in Farbe. Dafür hatte Vivian Maier sich auch noch eine Leica angeschafft.

Der auf den ersten Blick eher wertlose Kram der Verstorbenen kam zur Versteigerung. Der Immobilienmakler und Hobby-Chronist John Maloof war durch einen liebevollen Nachruf in der „Chicago Tribune“ auf die Auktion aufmerksam geworden. Den hatten drei einstige Schützlinge des Kindermädchens auf ihre Nanny verfasst. Maloof las den Text zufällig – zum Glück für die Fotokunst. Er erstand eine der Kisten bei einer Auktion, fand darin Fotos und Filme – und war, wie gleich darauf auch sein Freund, der Fotosammler Howard Greenberg, gleichsam elektrisiert. Hier hatte jemand „die Straße“ fotografiert, und zwar mit dem untrüglichen Gespür für den entscheidenden Moment.

Der offensichtlich so passionierten wie begnadeten Hobby-Fotografin Vivian Maier, die sich ihren Lebensunterhalt als Kindermädchen verdiente, hatte das Geld für die Entwicklung in einem professionellen Fotolabor, geschweige denn fürs Ausstellen zeitlebens gefehlt. Maloof machte seine Entdeckung öffentlich und die Käufer der restlichen Foto-Kisten ausfindig. Er stellte zunächst 200 Motive ins Internet; schon gab es eine Fan-Gemeinde. Maloof rettete damit eine Ausnahmefotografin im Nachkriegs-Amerika davor, von der Welt gar nicht erst entdeckt zu werden, bevor sie vergessen wäre.

Und er hatte einen Fotoschatz gehoben: Diese völlig unbekannte Vivian Maier, für ihre New Yorker Nachbarschaft lediglich eine liebenswürdige alte Jungfer, erwies sich als Meisterin der auf der Straße gefundenen Motive. Kenner des Mediums schwärmten damals, vor neun Jahren, von einer Sensation und hoben die Qualität dieser Aufnahmen, auf Augenhöhe mit den Meisters des Metiers hervor – Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Lee Friedlander, Elliott Erwitt oder Diane Arbus.

Vor drei Jahren zeigte das Willy-Brandt-Haus erstmals 120 Aufnahmen aus dem Fund. Nun gibt es am gleichen Ort die Fortsetzung. Der Alltag zweier amerikanischer Großstädte lebt im Schwarz-Weiß-Kontrast auf: Wir halten den Atem an angesichts der gelassen balancierenden Bauarbeiter auf steilen Gerüsten einer Manhattan-Fassade. Kinder toben ausgelassen an einem wassersprühenden Feuerwehrhydranten an einem offensichtlich sehr heißen Sommertag, Menschen drängen ins Kino wegen des neuesten Films. Vor einem Schnellrestaurant posieren Leute in ihren Sonntags-Ausgeh-Klamotten, Zeitungsverkäufer – wie melancholisch-anachronistisch in heutigen Zeiten der digitalen Informationen und des Pressesterbens – preisen gestenreich ihre druckfrische Ware an. Maier fotografierte anscheinend zu jeder Tageszeit und in jeder Lebenslage, erst in New York, später in Chicago, wo sie eine Nanny-Stelle hatte. Mit dem Geld einer kleinen Erbschaft war sie auch gereist. Zugang zur Welt bot die Fotografie. Sie lichtete alles ab: Häuser, Plätze, Gestalten, gespiegelt in Schaufenstern, in derben Mänteln, Blümchenblusen, mit Hüten. Oder als geheimnisvolle Schattenrisse.

Die Zufälligkeiten des Straßen-Alltags fügte Vivian Maier zu perfekten Kompositionen. Hier betätigte ein eher introvertiertes Naturell den Auslöser mit einem treffsicheren und tiefen Blick fürs Beiläufige, Nebensächliche, Simple, dabei doch so Exemplarische – und fürs Kuriose auch, etwa wenn einer aufgebrezelten älteren Dame mit Hut die Brille ins welke Dekolleté purzelt.

Willy-Brandt-Haus , Berlin: bis 7. Januar. Parallel dazu sind Fotos von Berenice Kolko „Frida Kahlo und Gesichter Mexikos“ zu sehen, Eintritt frei, aber Personalausweis erforderlich.

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