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Fotografie Bilder vom Ende der Zeit

Die Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg blicken zurück und in eine düstere Zukunft.

Gyumri – Erevan (aus der Serie: Transit Orte, Armenien), 2004
Gyumri – Erevan (aus der Serie: Transit Orte, Armenien), 2004 Foto: Ursula Schulz-Dornburg

Zuerst sieht man die Stühle. Schlichte, unterschiedliche Holzstühle, die einfach so in den Ausstellungsräumen herum stehen. Vereinzelt, fast absichtslos. Man kann sie benutzen, kann sich ganz nah vor die oftmals so zarten Fotografien von Ursula Schulz-Dornburg setzen, die teilweise sehr niedrig hängen, und Steine angucken. Man kann die komplexen Oberflächen von Sand und Geröll studieren oder einsame Bauten, die irgendwer im Niemandsland vergessen zu haben scheint.

Es sind Orte des Übergangs, des Dazwischen, die Schulz-Dornburg seit fast vierzig Jahren mit ihrer Mittelformatkamera erkundet. In Europa, Asien und dem Nahen Osten fotografiert die Künstlerin, die 1938 in Berlin geboren wurde und in Düsseldorf lebt, Landschaften, in denen Geschichte sichtbar wird – und sei es durch kaum wahrnehmbare Strukturen in der staubigen Erde, durch historische Scherben, verschüttete Gleise. Dabei hat sie einen zurückhaltenden, leicht melancholisch anmutenden Stil entwickelt, irgendwo zwischen Dokumentarfotografie und Konzeptkunst.

Zu sehen sind die Bilder jetzt in einer umfangreichen Werkschau im Frankfurter Städel Museum unter dem Titel „The Land In-Between. Fotografien von 1980 bis 2012“. Trotz ihrer scheinbaren Kargheit und obwohl man erst meint, dass nichts Wichtiges darauf sei, fesseln die schwarz-weißen Aufnahmen: Je länger man sie betrachtet, desto stärker empfindet man ihre unerklärliche Schönheit und Poesie.

Als Schulz-Dornburg 1980 nach Bagdad reiste, erhielt sie die strikte Auflage, sich nicht weiter als fünf Kilometer von der Stadtgrenze zu entfernen. Die Fotografin umging das Problem, indem sie den Kilometerzähler einfach abschalten ließ. So entstand eine erstaunliche Serie über die Kultur der Marsch-Araber, die in den Marschen und Sümpfen des südlichen Iraks lebten, anhand ihrer einzigartigen (heute verschwundenen) Schilfbauten. 

Viele Jahre später, 2002, stieß Schulz-Dornburg auf der Durchreise im russischen Kronstadt auf eine Reihe kubistisch anmutender Metallobjekte, die wie zufällig mitten in der Landschaft herumstanden. Hohle Bauteile mit Öffnungen, deren Funktion sich dem unkundigen Betrachter nicht erschließt. „Die Klötze haben mich sofort fasziniert“, erzählt die Künstlerin in einem Interview, das im Katalog zur Ausstellung abgedruckt ist. „Sie wirkten wie eine auseinandergenommene Welt, wie eine demontierte Stadt auf mich. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was das sein konnte, und habe die Objekte aus dieser Situation heraus und gerade deswegen fotografiert.“ Inzwischen weiß sie mehr darüber, will ihre Bilder durch diese Information jedoch für den Betrachter nicht entzaubern.

Als die Fotografin 2005 und 2010 ins syrische Palmyra reiste, machte sie eine Reihe von Aufnahmen schlichter, aus Steinquadern gebauter Gräber. Wie häufig bei Schulz-Dornburg braucht man für die minimalistischen Fotos geschichtliche und geografische Informationen, um die Bildinhalte zu entschlüsseln. Etwa jene, dass sich ganz in der Nähe ein berüchtigtes Foltergefängnis des Geheimdienstes befunden hat.

Bekannt wurde die Fotografin allerdings mit einer Reihe von Aufnahmen, die Wartehäuschen zeigen. Wobei das Wort Häuschen für die teils abgewrackten Gebilde ein Euphemismus ist.
Man sieht darauf etwa eine Frau im schicken Kleid, die unter einem schirmförmigen Unterstand steht, irgendwo im Niemandsland. Sieht Mutter und Tochter, die sich perfekt frisiert unter einem maroden Metallgestell platziert haben, als habe sie jemand aus einer Innenstadt unversehens ans Ende der Welt gebeamt. Oder zwei Männer, die unter einer modernistischen Betonarchitektur in tiefster Ödnis auf etwas warten, vielleicht auf den Bus, vielleicht auf ein besseres Leben. 

Die Architekturen, die Ursula Schulz-Dornburg zwischen 1996 und 2011 im postsowjetischen Armenien fotografiert hat, wirken bisweilen geradezu aberwitzig. Wie surreale Fata Morganen, absurde Großstadt-Relikte am Ende der Welt. 

Die Fotografin hat diese, aus der Sowjetzeit stammenden Wartehäuschen eher zufällig entdeckt: angeschlagene Bauten, die zugleich von der Vergangenheit und Gegenwart eines gebeutelten Landstrichs erzählen, von Utopien, Niederlagen und dem Leben, das trotz allem immer einfach so weiter geht. 

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